Aufsatz in einer Zeitschrift 
„Lebendiges Ganzkorn“ : Anni Gamerith und die Suche nach dem „Urwissen bäuerlicher Überlieferung“
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Herbert Nikitsch

ÖZV LIV/ 103

also als biographische Details ist in historischer Perspektive doch derHintergrund, vor dem ein Leben abgelaufen ist, vor dem sich diesfallsdie Axiomatik der( nicht nur volkskundlich- facheinschlägigen) For-schungsaktivitäten Anni Gameriths herausgebildet hat. Dieser Hin-tergrund ist das kulturpolitische Klima Österreichs in der Zwischen-kriegszeit- und damit auch die österreichische Volkskunde, die sichin diesen Jahren entwickelt und als Fach etabliert hat.

Diese österreichische Volkskunde, diese- analog zum gesamtendeutschsprachigen Raum20- akademisch spät professionalisierte Dis-ziplin, war in einem populären Umfeld verankert, das soziokulturellvor allem dem Bildungsbürgertum zuzuordnen ist, einem( meistkleinstädtischen) Kleinbildungsbürgertum, wie es vor allem von Leh-rern und der mittleren Beamtenschaft vertreten wurde. Auf diesergesellschaftlichen Basis und in Einbindung der Sammlungs- undForschungsaktivität dieser interessierten Laienschaft 21 hat dieseVolkskunde das Ideal einer dörflich- bäuerlich konnotierten und überalle politisch- ideologischen Zäsuren hinweg emotional hoch besetz-ten ,, Volkskultur propagiert. Und mit diesem Gegenentwurf zu einerWelt, die sich in einem technischen, ökonomischen und gesellschaft-lichen Umbruch und zudem nach dem Ersten Weltkrieg auch politischvöllig verändert darstellte, lieferte diese Volkskunde in retrospektiv-nostalgischer Ausrichtung ihren Beitrag zu individueller und kollek-tiv- nationaler Sinnstiftung. Dabei hatte sie enge wahlverwandtschaft-liche Beziehungen zu einigen gesellschaftlichen Strömungen, denenauch Anni Gamerith nicht ferne stand. Zu nennen sind hier auf dereinen Seite vor allem die bürgerliche Jugendbewegung spätroman-tisch- nationalistischen Zuschnitts22, in deren organisatorischem Rah-20,, Deutschsprachig" sei hier auch im Sinne einer politischen Landschaft genom-men- und in diesem Zusammenhang an die These erinnert, daß sich einebestimmte Attitüde, ein bestimmtes ,, Gestimmtsein nur im deutschsprachigenKontext findet, nur unter den ganz spezifischen Voraussetzungen dieser politi-schen Geographie entstehen konnte; und in Konsequenz die deutschsprachigeVolkskunde als ein typisches Geistesprodukt jener- auch auf national- politischerEbene ,, verspäteten Nationen( H. Plessner) gesehen wird.

21 Als eine Art Brennpunkt solcher Aktivitäten kann der Museumsbereich, beson-ders in Gestalt des regionalen bzw. lokalen Heimatmuseums gesehen werden, s.Johler, Reinhard: Zur Musealisierung eines Kulturkonzeptes: Die Heimatmuse-en. In: Posch, Herbert, Gottfried Fliedi( Hg.): Politik der Präsentation. Museumund Ausstellung in Österreich 1918-1945. Wien 1996, S. 276–302.

22 Aus der reichen einschlägigen Literatur s. für österreichische Verhältnisse Ursin,Karl, Karl Thums: Der österreichische Wandervogel. In: Ziemer, Gerhard, Hans