Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIV/ 103, Wien 2000, 283-307
,, Lebendiges Ganzkorn"
Anni Gamerith und die Suche nach dem ,, Urwissen bäuerlicherÜberlieferung"
Herbert Nikitsch
Anni Gamerith( 1906-1990), Mitbegründerin der ethnologi-schen Nahrungsforschung in Österreich und zudem eine derwenigen Frauengestalten in der österreichischen Volkskundeder Nachkriegszeit, hat einen Zugang zum Fach gewählt, derWissenschaft mit Kulturreform zu verbinden suchte. Wenn-gleich erst nach dem Zweiten Weltkrieg im engeren Sinne, volkskundlich tätig, war sie in ihrer persönlichen Lebenshal-tung wie in der thematischen Ausrichtung ihrer facheinschlä-gigen wie auch fachfernen Interessen dem österreichischenkulturpolitischen Klima der Zwischenkriegszeit und damitden Idealen einer national- romantischen bürgerlichen Jugend-bewegung und eines kulturpessimistisch gestimmten, Heimatschutzes' verpflichtet. Vor diesem- auch für die sichin diesen Jahren als Fach etablierende österreichische Volks-kunde prägenden- Hintergrund wird die Biographie und wis-senschaftliche Laufbahn Anni Gameriths in diesem Beitragskizziert.
Daß sich der Todestag Anni Gameriths heuer im September zumzehnten Mal jährt', mag dazu auffordern, ist jedoch nicht der Anlaẞ,ihrer hier in einer zeitgeschichtlich- biographischen Skizze zu geden-ken. Ein solches an individuelles Schicksal anknüpfendes Motiv,diese bei aller Sonderheit für die österreichische Volkskunde rechtsignifikante Persönlichkeit nachzuzeichnen, wäre auch gewisser-maßen zu privat, gleichsam zu sehr von Intimität getränkt, um jeman-dem anzustehen, den keinerlei persönliche Reminiszenzen mit ihr
1,, Durch einen Verkehrsunfall kam Anfang September 1990 Hon. Prof. Dr. AnniGamerith im Alter von 84 Jahren ums Leben“, Volkskunde in Österreich 25, 1990,S. 66. Das genaue Todesdatum ist der 8.9.1990; Sterbebuch ZI. 2703/90, Magi-strat Graz, Abt 2, Personenstands-, Kultus- u. Standesamt. Würdigungen( nebstSchilderungen des Straßenbahnunglücks) finden sich auch in lokaler Presse, z. B.,, Kleine Zeitung“ vom 10.9.1990 oder ,, Neue Zeit“ vom 11.9.1990.