Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

Buches von Maria Todorova könnten wir in der Lage sein, mehr als zuvorunsere Vorurteile historisch einzuordnen und in Frage zu stellen. Und dieseIrritation eigener Bilder sollte gerade für jene zur Notwendigkeit werden,die als AnthropologInnen, EthnologInnen, HistorikerInnen oder Als- was-auch- immer mit Südosteuropa inhaltlich und sozial zu tun haben.

Todorova, bulgarische Historikerin und Osmanistin, jetzt mit Lehrstuhlin Florida, analysiert einen ,, westlichen" Diskurs über den ,, Balkan", derimmer auch ein Herrschaftsdiskurs war und ist. Akribisch, auf der Basiseines umfangreichen Quellenmaterials legt sie dar, wie in der Vergangenheitvor allem britische, amerikanische, französische, deutsche und österreichi-sche Diplomaten, literarisch ambitionierte Reisende, Kaufleute und nichtzuletzt Wissenschaftler- kurz: Vertreter einer westlichen Elitekultur- denBalkan als solchen konstruiert bzw. überhaupt erst erfunden haben.

Erfindung des Balkans!? Eine solche Aussage mag zunächst verwirren,scheint doch der Balkan eine geografische Tatsache zu sein als südosteu-ropäische Halbinsel oder zumindest doch als jener Gebirgszug, der sich inMittelbulgarien von West nach Ost( bzw. umgekehrt) erstreckt und dem dieaus dem Türkischen stammenden Bezeichnung für Gebirge eben: Bal-kan- vor vielen Jahrhunderten gegeben wurde. Doch das Denken undWerten des ,, Balkans in unseren Köpfen hat lediglich am Rande etwas mitGeografie zu tun, nämlich nur insofern, als eine mehrere Jahrhunderte vonden Osmanen beherrschte Region Europas zur Projektionsfläche des ,, ei-gentlichen Europas werden konnte. Eine als Einheit gedachte Region istim Laufe der Geschichte mit ganz bestimmten kulturellen Zuschreibungenbedacht worden. Zu einem ,, Müllplatz für negative Charakteristika sei derBalkan geworden, schreibt die Autorin an einer Stelle, und fügt dem hinzu,dass dieser ,, Müll vor allem das, Andere" in uns repräsentiere- jenesnämlich, was wir in und bei uns nicht wahrhaben wollten, das wir einemperipheren europäischen Raum und damit einer peripheren europäischenKultur zuschreiben würden.

Auch wenn Todorova dies nicht explizit ausführt: Wir haben es hier miteiner Problematik zu tun, die in den ethnologisch- anthropologischen Wis-senschaften seit ca. drei Jahrzehnten unter Begriffen wie ,, Writing Culture"und ,, Konstruktion des Anderen" diskutiert wird: Sozial- und Kulturanthro-pologen westlicher Provinienz sind jahrzehntelang zu Feldforschungen indie entferntesten Flecken dieser Welt aufgebrochen, um fremde Kulturen zuerforschen. Die Interpretationen der Fremden waren und sind nie frei vonwestlichen Wertmaßstäben( und können es auch gar nicht sein); und späte-stens seit Georges Devereux' Standardwerk über ,, Angst und Methode inden Verhaltenswissenschaften" wissen wir auch, inwieweit westliche Feld-forscher eigene ,, dunkle" Seiten auf die Beforschten projiziert haben. Und