Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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2000, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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Der Titel des Buches lässt aufhorchen, weil er einen gewissen Gegensatzzur hauptsächlich historischen Ausrichtung des Faches in der Gegenwartimpliziert, da die Bezeichnung, Homo narrans auf anthropologische Di-mensionen hinweist. Mit beiden Zugängen verbunden ist die scheinbarschlichte Frage, ob die Leute einander früher mehr erzählt haben als heute.Während Strobach dies bejaht( S. 22) und Fischer es mit Blick auf dasInternet verneint( S. 285), äußert sich Petzoldt abwägend, indem er auf dieAbnahme traditioneller Erzählgelegenheiten aufmerksam macht und gleich-zeitig betont, dass ,, das Bedürfnis nach dem Außergewöhnlichen, demGeheimnisvollen, die Wirklichkeit Überschreitenden nicht geringer gewor-den" sei( S. 111). Zu diesem Thema hätte der Herausgeber in seinemVorwort meines Erachtens etwas ausführlicher Stellung nehmen können, alser es getan hat- er schreibt nur, dass ,, die Erzählanlässe vielfach zurückge-hen, andererseits auch neu geschaffen werden( S. 9)-, denn wenn er mitdem Titel des Buches auf anthropologische Kategorien rekurriert, ist essinnvoll, näher zu begründen, was er darunter versteht, zumal, wie bereitserwähnt, in Anbetracht der vorwiegend historischen Ausrichtung der gegen-wärtigen Volkskunde. Nur wenige Autoren der Festschrift widmen sich auchanthropologischen Aspekten, vor allem Nicolaisen und Kvideland, dieMehrzahl der in diesem Buch versammelten Arbeiten bietet hingegen Stoff,Analyse und Interpretation zu historischen Fragen. Das ist völlig in Ord-nung, nur sollte ein Buchtitel die Erwartungen erfüllen, die er weckt.

Bernd Rieken

TODOROVA, Maria: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemesVorurteil. Darmstadt, Primus Verlag, 1999, 360 Seiten.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie den Begriff ,, Balkan hören? Bitte nichtsogleich in wissenschaftliche Differenzierungsversuche verfallen, sondernganz spontan... Könnte es sein, dass Ihnen Assoziationen wie Rückständig-keit, rohe Gewalt, Kleinstaaterei, Pulverfass Europas usw. in den Sinnkommen ,,, der Balkan" quasi als Synonym für all das, was wir im, zivili-sierten Westen überwunden zu haben glauben? Übrigens: Obwohl ich seitmehreren Jahren intensive Kontakte mit südosteuropäischen Kolleginnenunterhalte( und allen damit zusammenhängenden Reflexionsbemühungen),sind auch mir diese Zuschreibungen sehr vertraut, nicht nur weil ich sie vonanderen westlichen Kolleginnen vermittelt bekomme, sondern weil sie einsehr fest verankerter Teil meines Denkens sind. Meine, unsere Stereotypensind wohl nicht von heute auf morgen abzulegen. Aber nach der Lektüre des