Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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2000, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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SCHMITT, Christoph( Hg.): Homo narrans. Studien zur populären Er-zählkultur. Festschrift für Siegfried Neumann zum 65. Geburtstag. Münsteru.a., Waxmann, 1999(= Rostocker Beiträge zur Volkskunde und Kulturge-schichte, Bd. 1), 431 Seiten.

In der Festschrift für Siegfried Neumann, dem angesehenen und bedeuten-den Volkskundler und Erzählforscher der ehemaligen DDR und Nordost-deutschlands, findet man 22 Aufsätze, die in vier Teilen locker zusammen-gehalten werden. Im ersten Teil geht es um ,, Erzähler, Sammler, Interpreten.Wege volkskundlicher Erzählforschung. Hermann Strobach befasst sichmit ,, Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Volksüberlieferung( S. 15–24) und gelangt zu dem Ergebnis, dass ,, mündlich- gedächtnismäßige direkteKommunikation(...) als vorherrschende Tradierungsweise(...) eine histori-sche Erscheinungsweise sei( S. 21), weil sie mit überwiegendem Analpha-betismus oder nur gering entwickelter Lese- und Schreibfähigkeit verbun-den sei und in der Gegenwart durch audiovisuelle Medien zurückgedrängtwerde, so daß man nicht behaupten könne,, orale Tradition( sei) gleichmächtig wie eh und je( S. 22).- Einen interessanten Einblick in Bearbei-tungsprinzipien der Herausgeber von Märchen und Sagen im 19. Jahrhun-dert bietet Ines Köhler- Zülch( S. 25–50). Die Betonung ,, treuer Wiederga-be bei gleichzeitiger Bearbeitung habe man keineswegs als einen Wider-spruch empfunden, weil es das Anliegen der Sammler gewesen sei, alssprachliche Form eine möglichst ,, volkstümliche" und schlichte Ausdrucks-weise zu wählen. Brigitte Emmrich präsentiert eine Auswahl unveröffent-lichter Sagen und Schwänke des Lehrers und Heimatkundlers Josef Wagner( 1887-1968), die im Archiv des Institutes für Sächsische Geschichte undVolkskunde aufbewahrt werden( S. 51-68). Die Autorin ist ,, überraschtdarüber, dass dämonologische Sagen, die in den 30er und 40er Jahrenunseres Jahrhunderts gesammelt wurden, faszinierend und modern wirken( S. 59) ein Sachverhalt, der nur dann zu überraschen vermag, wenn manSagen für Relikte aus längst verflossenen Zeiten hält. Mit sorbischemErzählgut, das Anfang der 50er Jahre von Linguisten am Bautzener Institutfür sorbische Volksforschung erhoben wurde, beschäftigt sich Susanne Hose( S. 69-90). Interessant sind die Mitteilungen eines jungen Sprachwissen-schaftlers namens Frido Michalk, weil er von seinen Ängsten und Proble-men mit der für ihn zunächst unbekannten Feldsituation berichtet( S. 77-81). Mit völkischer Märcheninterpretation, vor allem mit Joachim KurdNiedlichs ,, Märchenbuch"( Untertitel: ,, Der alten deutschen Volksmärchenheimliches Raunen) befasst sich Kai Detlev Sievers( S. 91-110). SeinBeitrag zeigt einmal mehr, wie notwendig es ist, möglichst ideologieresi-stent an Märchen heranzugehen, weil ansonsten- insbesondere auf Grund

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