2000, Heft 2
Mitteilungen
Ein Votivbild beginnt zu sprechen
Votivbildstudien 3:
Votivbild aus der Maria- Heimsuchungs- Kapelle in Bayerbachan der Rott, BA Griesbach( Niederbayern), 1761
Klaus Beitl
201
Die in den vergangenen siebziger Jahren von dem damals auch auf demGebiet des Kunstsachbuches initiativen Salzburger Residenz Verlag in Zu-sammenarbeit mit dem Österreichischen Museum für Volkskunde hervorge-brachte, bisweilen in mehreren Auflagen, auch als Taschenbücher erschie-nene und heute noch immer nachgefragte Buchreihe„ Zeugnisse...“ derVolkskunst wurde von den Autoren insbesondere als eine ,, Schule volks-kundlicher Interpretation" verstanden. Die thematisch jeweils begrenztenBildmonographien' bedienten sich stets einer Auswahl von volkskundlichenGegenständen der von den Kustoden betreuten eigenen Museumssammlungen.Die erarbeiteten ,, Geschichten" zu den einzelnen Objekten gehorchten dem voneinem namhaften Kollegen, dem ehemaligen Direktor der Waffensammlungdes Kunsthistorischen Museums in Wien, treffend formulierten Postulat, daß esdie eigentliche Aufgabe- damals noch!?- der wissenschaftlichen Kustodensei, sich zu dem ihnen anvertrauten Sammlungsgut ,, etwas einfallen“ zu lassen.Da sind die Kompetenz und Kunst des Museologen angesprochen, dievorerst und zumeist„, stummen“ Sachzeugnisse fachgerecht wieder zumSprechen zu bringen. Diese Arbeit und Leistung stützt sich methodisch aufdie volkskundlich- semiologische ,, Lektüre des Objektes“.2
Für eine solche verstehende ,, Lektüre" von Dingen stellt die Kunstgat-tung der in ihrer ursprünglichen Intention stets als individualisiert zu be-trachtenden, narrativen gemalten Votivbilder ein bevorzugtes Feld dar. AlsDanktafeln für Errettung aus Krankheit, Bedrängnis und Unglücksfall, alsVerlöbnistafeln zur Einlösung eines Gelübdes oder als Bittafeln ,, erzählen“sie in ihrem kodifizierten drei- bis vierteiligen Bildaufbau von Kultobjekt,Kultsubjekt, intendiertem Kultanlaß und Bildinschrift von den Beweggrün-den und der frommen Haltung ihrer Stifter.
Derartige Sachverhalte offenbaren sich vorzüglich, wenn der am Wall-fahrtsort in situ befindlichen oder belassenen Votivtafel nicht nur eineintegrierte erläuternde Inschrift eigen ist( wie dies für Votivtafeln des 16.und 17. Jahrhunderts zumeist die Regel war), sondern in den handschriftli-chen oder gedruckten„ Mirakelbüchern“ einzelner Wallfahrtsstätten dieAnlaßfälle erlangter ,, Guttaten“ und Wunder ausführlich berichtet werden.³