2000, Heft 2
Wohnen ausgestellt- Leben in der Platte
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auch der Unterschied zum Westen. Aber- und abgesehen von der höchstfortschrittlichen industriellen Herstellung der Häuser, die die Architek-ten der späten Moderne wie Le Corbusier vorgedacht haben: das serielleProdukt Wohnung referiert unsere Moderne. Die westlichen, kapitalisti-schen Wohnbauten müssen sich, zumal nach dreißig, vierzig Jahren, diegleiche Kritik gefallen lassen: ihre Familienfeindlichkeit wie ihre Stand-ardisierung und eine Unbeweglichkeit, die dem wechselnden Bedarfneuer Familienformen oder der von Wohngemeinschaften nicht nach-kommen kann, und Barrieren in die Alltage der Menschen baut.
Die Platten- Wohnbauten waren repräsentativ, sie sollten, wie allegelenkte Bauplanung, staatlichen Akzentsetzungen folgen und gesell-schaftliche Leitbilder verwirklichen. Plattenbauten entstanden nicht nurauf der grünen Wiese – wie in Lütten- Klein bei Rostock, das schon zuDDR- Zeiten für seine hohe Selbstmordrate bekannt gewesen ist, oder inLichtenhagen, das nach der Wende unrühmlich durch rechtsradikaleAusschreitungen bekannt wurde-, sondern sie wurden mit Bedacht indie Zentren der Städte gesetzt. Die Plattenbauten stehen deshalb amAlexanderplatz in Berlin ebenso wie am Fucikplatz( Pirnaischer Platz)in Dresden. Hier, in Dresden, dessen zerstörte Innenstadt vollständigenteignet wurde, sind 100.000 neue Wohnungen gebaut worden; dieReste der alten Bebauung wurden für diese Neubauten weggeräumt.
Solches geschah nicht zufällig. Im Wohnen etabliert sich eineGesellschaft, darin sucht sie ihren Ausdruck. Politisch symbolisiertder staatliche Wohnbau gesellschaftliche Orientierungen. Die Mäch-tigen der DDR haßten das bürgerliche Wohnen, das sie als privatis-tisch und die Menschen isolierend ansahen. Sie versuchten, ähnlichwie die Wiener Sozialisten der Ersten Republik, das individualisti-sche ,, Häuselbauen“ zu unterbinden. Auch die gerühmten und bisheute für die Einheimischen reservierten und gehüteten WienerWohnbauten verdanken ihre Geburt der Zerstörung; nicht nur das alteErdberg wurde niedergelegt, um dem ,, Roten Wien" Platz zu machen,auch andere Vorstädte mußten daran glauben. Die Welt sollte durchdas neue Wohnen besser werden. Eine Wiener Sozialdemokratin hatdas 1933 auf einem Kongreß in Würzburg in fast sakralen Tönenformuliert: ,, Wenn Christus in Wien auf die Welt gekommen wäre,hätte er nicht auf Stroh liegen müssen, weil ihm das rote WienWindeln gegeben hätte, weil die rote Gemeinde christlicher ist als diekatholische oder die protestantische." Umgekehrt und andererseits:auch wer das Bausparen des Einzelnen fördert, verfolgt damit ein