Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde103 (2000) / N.S. 54Köstlin, Konrad: Wohnen ausgestellt – Leben in der Platte

  
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Wohnen ausgestellt – Leben in der Platte : eine Nachlese
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2000, Heft 2

Wohnen ausgestellt- Leben in der Platte

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Gesellschaft die Familiengröße denkt. Die Frankfurter Küche der GreteSchütte- Lihotzky z.B. atmet einerseits das ergonomische Prinzip, dasSigfried Giedion auf die Kombüse der Schiffe und die enge Küche derSpeisewagen der amerikanischen Eisenbahnen zurückführt. Zugleichaber steht das Bild einer neuen Frau dahinter: Denn diese Küche reflek-tiert die Idee aus August Bebels ,, Die Frau und der Sozialismus, in derdie- berufstätige- Frau als durch Gemeinschaftsküchen weitgehendvon der Kocharbeit entlastet geschildert wird: sie wärmt das Essen nurmehr und nützt Halbfertigprodukte. Die relative Bedeutungslosigkeitdieser Frankfurter Küche in diesem Gesellschafts- und Frauenbild,andererseits aber auch ihre industriell- ergonomische Modernität ist,wenn man ihre Positionierung und Größe ansieht, augenfällig.

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Als im Jahre 1985 das Wohnen der ,, Wilden 50er Jahre auf derSchallaburg ausgestellt wurde wie das Altschweriner Beispiel undwie die heutige Ausstellung über die Platte nah an der Gegenwart-,da baute man dort idealtypisch Einrichtungen der 50er Jahre nach, diees vermutlich in dieser Stil- Reinheit nie gegeben hat. Denn Wohnenund Einrichten sind nicht erst in der Postmoderne ein Kompositions-vorgang, der die Stile miteinander verbindet; und gerade der Stil der50er Jahre hat sich ja auch im Beigestellten und Zufälligen geäußert.Dennoch gab es Einrichtungsstücke wie etwa die Schrankwand, dietypisch für diese Dekade der ,, langen 50er( Werner Abelshauser)waren und die als Leitfossile Auskunft über die Lebensweise geben.Dazu gehört auch die sogenannte ,, Durchreiche" zwischen Küche undEẞplatz, die demonstriert, welche Rollen der Hausfrau zugedachtwaren: Das Essen sollte im Verborgenen der Küche zubereitet unddann auf der Küchenseite der Durchreiche abgestellt werden; die Arbeitder Hausfrau die dann, so die Idee und die Vorgabe der Architektur,die Küchenschürze ablegte und, nunmehr ,, adrett gekleidet, von derWohnseite die von ihr in der Küche zubereiteten Speisen auftrug-, dieKüchen- und Hausarbeit also, sollte unsichtbar bleiben.

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Solche Zweiteilung erinnert an die Architektur der Bahnhöfe des19. Jahrhunderts, deren industrieller, qualmender und dampfenderTeil eisenbewehrt ins wilde Land wies, der Stadt aber mit seinerrepräsentativen Fassade ein gezähmtes, bürgerliches Bild repräsenta-tiver Palastarchitektur bot. Die ,, Sperre" im Innern des Gebäudes, ander die Fahrkarten kontrolliert wurden, trennte diese beiden Weltenund war zugleich ein Übergang von der Wildheit des Landes zumGezähmten der Zivilisation, eine andere Art ,, Durchreiche".