Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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ÖZV LIV/ 103

Fremden bestimmen. Sie verweisen auf die Besonderheiten deutscherSelbstdistanzierung nach 1945, auf die Spezifik und Problematik des Spre-chens von Deutschen über sich selbst und über ihr Verhältnis zu Fremden-als ein Sprechen, das nicht zuletzt abhängig ist von sozialer Situation undindividueller Biografie und damit immer wieder auch Veränderungen undVariationen unterworfen ist.( KL)

WIESCHIOLEK, Heike:... ich dachte immer, von den Wessis lernenheißt siegen lernen!" Arbeit und Identität in einem mecklenburgischenBetrieb. Frankfurt am Main- New York, Campus Verlag, 1999, 230 Seiten.

Ein wesentliches Moment in Politik und Rhetorik deutscher Selbstverstän-digung war und ist das Thema Arbeit. So kann es nicht verwundern, dassnun gerade auch in den gegenwärtigen innerdeutschen Annäherungen undAuseinandersetzungen vor allem anderen der je unterschiedliche Umgangmit Arbeit und Wirtschaft es ist, der im Zentrum der Diskurse steht. Von derRückständigkeit der DDR- Wirtschaft, von einem besonderen Volkscharak-ter der ehemaligen DDR- Bürger, deren mangelnder Initiative und fehlenderArbeitsmoral ist da auf westdeutscher Seite oftmals die Rede.

Die Autorin setzt an diesem Punkt an. In ihrer Dissertation stellt sie dieGegenfrage nach der spezifisch ostdeutschen Sicht auf die Veränderungenim Arbeitsleben seit der Wende 1989. Empirische Basis ihrer Analysen isteine Feldforschung: Heike Wieschiolek arbeitete 1994 als Praktikantin undEthnologin in einem mecklenburgischen Betrieb für Schiffselektronik, ei-nem früheren Kombinat, das 1992 neu gegründet wurde. In einem erstenKapitel zum methodischen Vorgehen erläutert die Autorin diese Doppelrolle,auch die schwierigen Balancen, als ,, Wessi" unter ,, Ossis" zu arbeiten.

In vier großen Themenblöcken legt sie die Ergebnisse von Beobachtun-gen und Befragungen, von Literatur- und Quellenstudien vor. Sie macht dievon ihr so genannten ,, ostdeutschen Diskurse zum Thema, die Haltung derBetriebsangehörigen gegenüber der Vergangenheit in der DDR, gegenüberder Wende, dem Westen, den Westdeutschen, gegenüber der Gegenwart. ImMittelpunkt der Darstellung stehen die kulturellen Modelle von Arbeit, wiesie immer in Wechselwirkung mit denjenigen der Westdeutschen- inErzählungen und Kommunikationsstilen der ostdeutschen Belegschaft auf-scheinen. So untersucht die Autorin exemplarisch ,, Grußformen als Aus-druck sozialer Beziehungen oder auch ,, Wirtschaftsphilosophien, die imBetrieb diskutiert werden. In einem Schlusskapitel wendet sich Wieschioleknochmals den Unterschieden zwischen ost- bzw. westdeutschen Arbeits- und

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