136
Literatur der Volkskunde
ÖZV LIV/ 103
nacherzählt und arrangiert, mit Bibliografie belegt, mit Fotografien doku-mentiert, mit Interview ausschnitten verlebendigt, ja sogar ganze Interview-protokolle in Dialogform führen in Geschichte und Individualgeschichte derBewohner ein. Die Person des Verfassers tritt, anders als in der„, narzissti-schen" New Anthropology, hinter den Dokumenten zurück und ist nur imArrangement der Dokumentenkategorien greifbar, als Manipulator und Re-gisseur der durchaus nicht poesiefreien Erzählung.
Es folgen Angaben zur Hausarchitektur( S. 45 ff.) und Siedlungsstruktur,zur Bevölkerung( S. 51 ff.)- zu den Arvaniten kamen noch griechischeFlüchtlinge aus Bulgarien und dem kleinasiatischen Pontus- Gebiet-, zurökonomischen Organisation der Kommunität( S. 54 ff. Feldverteilung,Agrartätigkeit, Handarbeit, der Friseur). Im Kapitel über die„, Zeit desGetreidebrotes" werden die Folgen der Errichtung des Flusswalls diskutiert( S. 73 ff.), der Zuckermelonenanbau( S. 77 ff.), die übrigen Feldfrüchte, dieFolgen der Auswanderung nach Deutschland, neue Formen des Anbaus wieSpargel und Brombeeren( S. 96 ff.), der Krämerladen( S. 100 ff. mit Waren-listen), der Fotograf( S. 105 ff.), Markt und Außenverbindungen( S. 109 ff.),die Zusammenlegung der Dörfer( S. 116 ff.). Ein farbiger Fototeil stelltheutige Handarbeiten aus dem Dorf vor: Stickereien, Trachten, Marmeladen.Der zweite Teil ,, Tradition und Erneuerung" setzt mit den Bräuchen desLebenszyklus ein, zuerst der Hochzeit( S. 139 ff.), Trauungszeremonie undZivilheirat( S. 152 ff.), Familienstruktur und Besitz( S. 164 ff.), Geburt undNamensgebung( S. 168 ff.), Tod und Begräbnis( S. 173 ff.), fährt mit demkirchlichen Festkalender fort, den Kirtagen( S. 177 ff.), den ekklesialenBräuchen und ihrem Kontext( S. 187 ff.) und schließt mit den ThemenUnterhaltung( S. 199 ff.), Innovationen und Freizeit( S. 209 ff. Grammofonetc.), rezentes regionales Selbstbewusstsein( S. 220 ff.), Tradition als Selbst-darstellung( S. 226 ff. Trachten- und Tanzverein), kulturelle Identität( S. 238 ff. trotz der unterschiedlichen Sprache Zusammenlegung der beidenDörfer, Theatervorstellungen von Laienspielern). Der Wechsel des Fluss-ufers 1922 erwies sich im Laufe des 20. Jahrhunderts für die Dorfbewohnerals ein Gang von Ost nach West, denn die einstige Maritsa wurde zumGrenzfluss Ebros, ein Gang vom Halbmond in die Europäische Union( S. 261 ff.). Der genussvoll zu lesende und durchzublätternde Band ist voneiner Bibliografie beschlossen( S. 275–290) und einem allgemeinen Index( S. 291–309) sowie einer Liste der Informanten( S. 310 f.). Ethnografisch-volkskundliche Fallstudien können eine spannende und unterhaltsame Lek-türe sein. Nach der Lektüre dieses Buches fühlt man sich ein wenig dieserKommunität zugehörig und betrachtet mit Sympathie ihren Werdegang undihre Zukunft. Kann sich ein wissenschaftlicher Autor mehr wünschen?
Walter Puchner