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Literatur der Volkskunde
ÖZV LIV/ 103
OBRECHT, Andreas J.: Die Welt der Geistheiler. Die Renaissance magi-scher Weltbilder. Mit Beiträgen von Barbara Wolf- Braun und Sigrid Awart.Wien- Köln- Weimar, Böhlau- Verlag, 1999, 288 Seiten.
65% der deutschen Bevölkerung würden bei einer unheilbaren Krankheit aufdie Methoden medizinischer Laien vertrauen. 70% glauben, dass es Men-schen gibt, die helfen können, wenn die Ärzte aufgegeben haben. 11% derSchweizerInnen haben sich schon einmal in eine solche Behandlung bege-ben und 58% waren mit dem Erfolg zufrieden. Drei von vier ÖsterreicherIn-nen, die bei GeistheilerInnen Hilfe suchen, sind überzeugt, dass es ihnendanach besser geht. Über die HeilerInnen, die hier zu Lande tätig- und stetsdem Vorwurf der Kurpfuscherei ausgesetzt – sind, gibt es nun ein aktuelles,aufschlussreiches und anregendes Buch.
Der Grazer Ethnologe und Soziologe Andreas J. Obrecht und ein inter-disziplinäres Forschungsteam haben sich 1996 bis 1998 mit der ,, Welt derGeistheiler" beschäftigt. Projektmitarbeiter waren die Ethnologin Ute Moosund die Ethnosoziologin Sigrid Awart, die die Interviews führten, die Poli-tologin Judith Veichtlbauer als Supervisorin, der Soziologe Axel Belschanund Barbara Wolf- Braun als Co- Autorin. Ihre Arbeit stellt in Österreich dieerste konsequente kultursoziologische Auseinandersetzung mit dem weitverbreiteten Phänomen der„ Renaissance magischer Weltbilder" dar. Ineiner mächtigen okkulten Welle mischt sich alpenländische ,, Volksweisheit"mit Praktiken aussereuropäischer archaischer Kulturen und esoterischenVersatzstücken: Wer wollte nach der wissenschaftlichen Anerkennung desPlacebo- Effekts noch von ,, Aberglauben" sprechen?
Das Buch ergreift weder Partei für die Geistheilung noch gegen sie. Dasses in einschlägigen Läden beworben wird, widerspricht seiner Seriositätkeineswegs. Dies ist eher als Erfolg der vertrauensbildenden Massnahmendes Forschungsteams zu sehen. Anfangs zeigten sich die Alternativpraktikerskeptisch. Mit 150 wurde Kontakt aufgenommen, ein Fünftel gab Inter-views. Obwohl sie anonym bleiben, kann man sich ein Bild von ihnenmachen. Katholische Priester und Ärzte, LehrerInnen, TherapeutInnen,Handwerker, sozial und ökologisch Engagierte kommen in ausgewähltenZitaten zu Wort.
Zunächst stellt der Band drei ,, Lebensgeschichten von Geistheilern“ vor:Die ehemalige bulgarische Journalistin Maria D., die Kontakte zur akade-mischen Medizin pflegt, den Tiroler Gesundbeter Rupert S. und Sanna J.,die inzwischen nach Finnland heimgekehrte ,, matrische Schamanistin". Derzweite grosse Abschnitt widmet sich Traditionen, Voraussetzungen, Wegen,Zielen und Grenzen der Geistheilung. Eine Geschichte der magischen undreligiösen Heilkunde, sowie ein Artikel über ,, Neue Spiritualität“ und ein