Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
127
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2000, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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GORGUS, Nina: Der Zauberer der Vitrinen. Zur Museologie GeorgesHenri Rivières.(= Internationale Hochschulschriften 297). Münster u.a.,Waxmann, 1999, 336 Seiten, 48 s/ w- Abb.

Mit der Kritik des Konzeptes Ethnizität und der Krise der Repräsentation inder Anthropologie hatten auch die Museen für Volkskunde ihre Bestände undPräsentationsprinzipien zu überdenken. National zugerichtete Binnenethno-grafie, wie sie den Gründungsintentionen der vor rund hundert Jahrengeschaffenen Anstalten entsprochen hatte, konnte zumindest in den meistenwesteuropäischen Ländern keine adäquaten Erzählungen mehr bieten; Be-sucherschwund und eine zunächst vor allem intern formulierte Kritik ließendie Kustoden zunehmend an ihren Beständen und Ordnungskriterien zwei-feln. Plädoyers für eine Neuorientierung wollten seit den Siebzigerjahrennicht mehr verstummen sie verlangten einerseits nach mehr ,, Alltag" undGegenwartsbezug, andererseits ganz grundsätzlich nach einem erweiterten,aus der Engführung nationaler und regionaler Folklore befreiten Kulturbe-griff.

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Unter öffentlichen Beschuss geriet gar das Pariser Musée des Arts etTraditions populaires( ATP): ob seiner Beschränkung auf die traditionelleländliche Kultur wurde es gescholten, ein Königreich der Spitzenhaubeund des Pflugs" zu sein- und das Festhalten an der alten Dauerausstellungnach Konzepten der Sechzigerjahre war dabei ein zentraler Kritikpunkt.Vielleicht ist es nur auf den ersten Blick ein Paradox, dass nun gleichzeitigmit der Suche nach neuen Traditionen für die europäischen Volkskundemu-seen mit Georges Henri Rivière( 1897-1985) jene schillernde Gestalt dereuropäischen Museologie mit einer intellektuellen Biografie gewürdigtwird, dessen Ideen und Konzepte der obsolet gewordenen Institution ihrenStempel aufgedrückt haben. Nina Gorgus, in Tübingen ausgebildete Empi-rische Kulturwissenschafterin, hat in ihrer als Dissertation angenommenenStudie den Versuch unternommen, Rivières Leistungen nicht nur einerkritischen Würdigung zu unterziehen, sondern mit den Koordinaten einerEthnologie und Museologie Frankreichs und mit gezielten Ausgriffen aufdie deutsche Situation sich einer Kultur des Volkskundemuseums in diesemJahrhundert anzunähern. Das gelingt trotz oder gerade dank des das persön-liche Moment stark betonenden biografischen Zugangs.

Gorgus lotet zunächst Rivières Umfeld im Paris der Zwanzigerjahre aus,seine ,, années folles" zwischen Jazz und Surrealismus, in einem insgesamtkunstbegeisterten und vielseitig kreativen Milieu, in dem es sich gut,, acteur" und ,, observateur( Rivière) gleichzeitig sein ließ und in dembeharrlich an der praktischen und theoretischen Weitung des Kunstbegriffesgearbeitet wurde. Rivières erste Ausstellung war denn zwar keine ethnogra-