Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
Seite
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2000, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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ROLLER, Franziska: Hilfe als Herrschaft? Über den Umgang mit Kran-ken in einer protestantischen Missionsanstalt.(= Studien& Materialien desLudwig- Uhland- Instituts der Universität Tübingen, Bd. 15). Tübingen 1995,149 Seiten, Abb.

Die Tübinger Kulturwissenschaftlerin Franziska Roller brilliert in einerPublikation jüngeren Datums' als postmoderne Geschmacksexpertin. Dochihre 1993 abgeschlossene Magisterarbeit ist eine ethnohistorische Studieüber ein deutsches Lepraasyl in der niederländischen Kolonie Surinam amAnfang des 20. Jahrhunderts. Die Vielseitigkeit der Autorin zeigt sich nichterst in diesem Themenwechsel, sie ist auch an der Vielfalt der Perspektivenin ihrer 1995 veröffentlichten Abschlussarbeit erkennbar. Anhand einesFallbeispieles wird der Zusammenhang von Mission und Kolonialismuserklärt und das Konzept der totalen Institution spezifiziert, überdies wird einbemerkenswerter Beitrag zur kulturwissenschaftlichen Gesundheits- undzur Frauenforschung geleistet.

Bewunderungswürdig erscheint diese kreative Auseinandersetzung mit demThema vor allem im Bewusstsein der dürftig erscheinenden Quellenlage: Eswerden ausschließlich die schriftlichen Dokumente der Herrnhuter Missionanalysiert.( Eine Interpretation der Bildquellen wird kaum vorgenommen; siebesitzen eher illustrativen Charakter. Die Bildtexte sind knapp.) Die Missions-berichte waren zum größten Teil dazu bestimmt, wohltätige Spender zu gewin-nen und zu behalten. Die Perspektive bestimmen Missionare, die an der Spitzeder Hierarchie stehen. Und sie haben die Informationen durch ihr protestantisch-patriarchalisches Weltbild gefiltert, sie haben vieles unterschlagen, manchesbewusst und manches unbewusst verfälscht. Ein Zitat aus dem Brief einesMissionars zeigt drastisch die schwierige Quellenlage: ,,, Bethesda'[ so derName des Asyls, B. F.] ist Dir ja bekannt, und ich glaube auch andererseitsschreiben zu müssen, unbekannt. Über so mancher Arbeit ist und wird eindünner oder dicker Schleier gebreitet, und nur der, der einmal Gelegenheit hat,praktisch in alles hineinzuschauen, hat das nüchterne Urteil.( S. 97)

Freilich ist es der Autorin nicht möglich, in alles hineinzuschauen, nichts-destoweniger hat sie ein nüchternes Urteil. Auf solche Verschleierungsstra-tegien hinzuweisen, ist bereits ein bedeutendes Unterfangen. Die kritischeHermeneutik erlaubt auch Annahmen, was sich dahinter verbirgt. Und- unddiese Tatsache wird dem Leser die längste Zeit vorenthalten schließlichgibt es auch Risse im Schleier, welche Einblicke in das Leben auf derMissionsstation gewähren, jenseits der klischeehaften Idealvorstellungen.Diese Zeugnisse, die lebhaft verdeutlichen, wie das System der totalenInstitution durch die Taktiken der Diakonissen und der Insassen ebensoumgangen wird, wie durch das abweichende Verhalten der Anstaltsleitung