2000, Heft 1
Literatur der Volkskunde
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zung zu Gottfried Korffs Diskussion einer ,, inneren Urbanisierung" schlägter hier den Begriff von einer ,, inneren Urbanisiertheit“ vor ,,, nicht umauszudrücken, daß damit die Prozeßlichkeit ein Ende hätte, sondern, daß siesich in einem weiteren, qualitativ anders gelagerten Stadium befindet undals mentales Verhaltensdispositiv zu fassen ist“( S. 332). Freilich könne undsolle diese Kategorie keine der ,, Größe des Ausschlusses“( S. 328) sein,weder in räumlicher noch in lebensweltlicher Hinsicht.
Einschließlich dieser Schlussskizze zu möglichen künftigen Perspektivender Untersuchung urbaner Räume und Gruppen überzeugt HengartnersDarstellung zur Forschungsgeschichte und-problematik. Sie ist als Hand-buch im besten Sinne des Wortes zu empfehlen. Das Buch bietet demNeueinsteiger eine hilfreiche Zusammenstellung und einen guten Überblick.Die präzisen Paraphrasen und Interpretationen bisheriger Forschungspraxisregen gleichzeitig dazu an, gewohnte Perspektiven zu überprüfen und sichauf neue Sichtweisen und Lesarten einzulassen. Das scheint mir zumal imHinblick auf den Begriff der Urbanität notwendig, über den oftgenug Bildervon Ganzheiten und Ideale von Lebensstilen( von einem Lebensstil) festge-schrieben werden, wie sie den Wirklichkeiten von pluralisierten und ausdif-ferenzierten Gesellschaften kaum entsprechen können. Sind es doch ,, Mo-ving Targets"( Gisela Welz), mit denen wir es als Kulturwissenschaftler zutun haben.
Klara Löffler
MADERTHANER, Wolfgang, Lutz MUSNER: Die Anarchie der Vor-stadt. Das andere Wien um 1900. Frankfurt am Main-- New York, Campus-Verlag, 1999, 283 Seiten.
1977 erschien ,, Das andere Tübingen“. Das Interesse des Autorenteams galtder Kultur und Lebensweise der ,, Unteren Stadt" im 19. Jahrhundert- wobeischon die topografische Bezeichnung auf die Sozialstruktur schliessen lässt.Das ,, andere" meint das Dörfliche, die Gegend, aus der die ,, Ureinwohner"kamen, um die sich die akademische Geschichtsschreibung bisher nichtgekümmert hatte: ,, Es geht uns um die Vielen und vermeintlich Namenlosen,die einfachen Leute', die mehr schlecht als recht von ihrer Hände Arbeitgelebt, und dennoch ihre eigene Kultur geschaffen haben..." so die Autorenim ersten Absatz. In den Achtzigerjahren kreiert die Wiener Tourismuswer-bung den Slogan ,, Wien ist anders"- es lebe der Unterschied zu herkömm-lichen Touristenattraktionen und zu anderen, um die Urlaubergunst konkur-rierenden Weltstädten! An die Welt der einfachen Leute' dürfte man dabeiweniger gedacht haben.