Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
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2000, Heft 1

Literatur der Volkskunde

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HENGARTNER, Thomas: Forschungsfeld Stadt. Zur Geschichte dervolkskundlichen Erforschung städtischer Lebensformen. Berlin, DietrichReimer Verlag, 1999, 373 Seiten.

Dass, Stadt eine in der Volkskunde lange, allzu lange Zeit, vernachlässigteGröße sei, diese Feststellung gehörte bis in die Neunzigerjahre hinein inden Kanon von Vorwörtern und Einleitungen kulturwissenschaftlicher undkulturanthropologischer Studien, die Stadt, genauer: Großstadt, zum Themamachten. Doch wirkte, darauf verweist Thomas Hengartner, diese Rede vomDesiderat durchaus nicht immer als Auftakt. Im Gegenteil: Deren stereotypeWiederholung führte oft genug zur Stagnation der Fachdiskussion um diesesForschungsfeld. Hengartner setzt denn auch hier in seiner forschungsge-schichtlichen Untersuchung an, die einen Bogen spannt von den ,, frühenBlicken auf städtische Alltage" eines Lorenz Westenrieder oder eines JustusMöser bis hin zu kulturanthropologischen Problemstellungen unsererTage, er baut auf die andere, die entgegengesetzte Perspektive; geradeauch, weil ihm an einer besseren als bislang zu beobachtenden Vernetzungdieser Forschungen gelegen ist. Ihm geht es um die systematische ,, Präsen-tation und Diskussion der bisherigen Ergebnisse stadtvolkskundlichen Ar-beitens.( S. 25). Dabei plädiert er für die neuerliche( und sorgsamere)Lektüre gerade auch von Standardtexten sowohl im Fach als auch in denNachbardisziplinen und empfiehlt, diese ,, auf eine mögliche Relevanz fürund Übertragbarkeit auf heutiges Arbeiten hin zu befragen( S. 30).

Thomas Hengartner bietet hierzu zwei Zugänge an, die sich überschnei-den und ergänzen: In einem ersten Teil der Studie beschreibt und analysierter, wie das Themenfeld Stadt in der deutschsprachigen Volkskunde, voneinzelnen Protagonisten zwar, aber doch immer wieder aufgegriffen undbearbeitet wurde; im zweiten Teil erläutert er Modellüberlegungen, wie siein den Sozialwissenschaften entwickelt wurden, Modellüberlegungen, dievon einigem Einfluss waren auf die Diskurse von Wissenschafts- und auchAlltagskulturen. Zunächst arbeitet er jene Forschungsleitlinien heraus, dieden Blickwinkel der meisten Stadtvolkskunden auf so spezifische Art undWeise verengten: Es war das Dorf, das man in der Stadt suchte. ,, Volkskulturim städtischen Kontext begann insofern zu interessieren, als sie als tradiertesund auch in der Stadt gelebtes Gemeinschaftsgut zu ermitteln war.( S. 57)Es handelte sich also oftmals um eine bloße Verlängerung der kanonischenFragestellungen in den urbanen Bereich hinein. Auch wenn LeopoldSchmidt 1940 programmatisch eine eigenständige Stadtvolkskunde einfor-derte und wenn Hermann Bausinger 1961 aufzeigte, wie der Begriff derVolkskultur den zeitgenössischen Gegebenheiten zu öffnen wäre, so warenes bis hinein in die Siebzigerjahre die quasi dörflichen Stukturen in städti-