Jahrgang 
103 (2000) / N.S. 54
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LIV/ 103

dem am 4. April 1968 Martin Luther King ermordet worden ist. In Doku-menten und Szenarios( das in der europäischen Museologie gewohnte stren-ge Verständnis des, Authentischen sollte man freilich besser zuhause lassen)vermittelt die stark auf Emotionen setzende Präsentation nicht nur dieEtappen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, sondern auch etwasvom Charisma und der Persönlichkeit Kings. Zum Abschluss der Konferenzwaren die Teilnehmer zu Cold Beer, Great Food and Music in das Center forSouthern Folklore geladen, das als Institution vor Ort um die lokale Orga-nisation bemüht war. Die dort an den Tag gelegte Herzlichkeit mag einAbbild der sprichwörtlichen amerikanischen Gastfreundschaft sein. Aberirgendwie hätte man auch den Eindruck gewinnen können, die Leute dortwären recht froh, wieder ungestört von akademischer Nachfrage ihremGeschäft als Cultural Broker der musikalischen und sonstwie bunten Tradi-tionen des Südens nachgehen zu können. Zwei Welten also ließen sich dortaus europäischer Sicht erfahren zwei Welten, die allerdings bei allen ihreninternen konzeptionellen Problemen im Unterschied zur Situation hier durchein grundsätzliches gegenseitiges Interesse zusammenfinden.

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Bernhard Tschofen

Die Wende als Wende?

Orientierungen Europäischer Ethnologien nach 1989Tagung, veranstaltet vom IFK( Internationales ForschungszentrumKulturwissenschaft) und dem Institut für Volkskunde( seit 1. Jänner 2000: Institut für Europäische Ethnologie)der Universität Wien, 28. bis 30. Oktober 1999

,, Wissenschaft im modernen Sinn nenne ich die Gesamtheit der Rezepte, dieimmer gelingen", hat Paul Valéry in seinen Cahiers notiert. Die Frage nachder Gültigkeit dieser Bemerkung im Hinblick auf die Europäische Ethnolo-gie, die Frage also, wieweit dieses Fach mit gelungenen Rezepten- für dengesellschaftlichen Fortgang wie auch, nicht zuletzt, für den eigenen- auf-warten kann, stand wohl nicht explizit dem Programm der Tagung Pate, siekristallisierte sich jedoch in deren Verlauf, und hier vor allem in der Diskus-sion, als Kernproblematik heraus.

Der von Konrad Köstlin( Wien) und Peter Niedermüller( Berlin) konzipierteWorkshop hatte die zeitlich wie thematisch recht konkrete Zielsetzung, einDezennium nach der politischen Zäsur des Jahres 1989 den Tendenzen derbisherigen Entwicklung in den Europäischen Ethnologien vor allem der LänderMittel- und Osteuropas in vorläufiger Bilanzierung nachzugehen. Im Rahmender von Gotthart Wunberg einbegleiteten Eröffnungsveranstaltung sprachen