Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde103 (2000) / N.S. 54Johler, Reinhard: Heimatfilme – eine volkskundliche Sehanleitung

  
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Heimatfilme – eine volkskundliche Sehanleitung : oder: Die kulturellen „Volkswaisen“ im sanften Prozess des „making Austrians“
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2000, Heft 1

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Der Rechtschreibfehler am Ende des Zitats kann als Indiz genommenwerden. Im Kontext des gefühlsschwangeren Wortschwalls, mit dem einneues Klischee gegen ein altes gesetzt wird, sind die österreichischenVolkswaisen der späten Neunzigerjahre sogar plausibel: Zum einen schei-nen sie und damit auch die Heimatfilme- die elternlos gewordenen Erbender Vergangenheit darzustellen, die im Austrofaschismus und im National-sozialismus ihre schöne Kindheit und in den Fünfzigerjahren ihre besteJugendzeit erlebt haben. Und zum anderen ist heutzutage die Bilderweltderselben Heimatfilme nur mehr dann stimmig, wenn sie mit der Kritik ander Idylle kommentiert wird. Hier gilt ein weiteres Mal, was Jean Améryüber den Mutterbegriff des Heimatfilms, für, Heimat" gesagt hat: Dieschwer zu verscheuchenden ,, peinlich lieblichen Töne der ,, Heimat- Albe-rei jeder Art" würden hartnäckig ,, recht ungute Vorstellungsreihen zu einem, Wirklichkeitsanspruch zusammenführen.'

Die genealogische Assoziationskette zum Heimatfilm stellt für den ge-genwärtigen Seher längst einen neuen ,, Wirklichkeitsanspruch": Manschließt als gegenwärtiger Zuschauer die Kritik schlicht mit ein. Dazugehört, was beispielhaft für viele andere- Peter Turrini 1986 im ,, Spiegel"unter dem Titel ,, Eine touristische Bananenrepublik beklagt hat und wofürihm der Heimatfilm Beweisstück zu sein schien: ,, Im Jahre 1945 gelang esihm- dem Österreicher- auf jeden Fall mit affenartiger Geschwindigkeitdieser Weltverachtung zu entkommen. Der politischen Reinwaschung ent-sprach, noch vor dem Abschluß des Staatsvertrages im Jahre 1955, eineästhetische: Kurz nach dem Krieg begannen die Österreicher wie wild Filmezu produzieren. Sie hießen, Maresi' ,, Der Herr Kanzleirat' ,, Der Engel mitder Posaune ,, Die Glücksmühle ,, Triumph der Liebe und hatten nur einenZweck: Man wollte sich und die Welt von der absoluten Unschuld undHarmlosigkeit überzeugen. Man muß sich das vorstellen: Während dieMenschen in den zerbombten Städten hungerten, saß die FörsterstochterMaresi auf dem Schoß des alten Herrn Kanzleirats und ließ sich mit ihm vonden Klängen des Engels mit der Posaune in die Glücksmühle entführen, umdort den gemeinsamen Triumph der Liebe zu erleben." 10

Dass Unterhaltung eine selektive Bilderwelt zum Programm macht, istnur wenig erstaunlich. Und es macht auch nur bedingt Sinn, Hunger gegenden Heimatfilm oder das zerstörte Wien gegen die schönen Landschaftenaufzurechnen. Das Herstellen einer Verknüpfung zielt denn auch in eineandere Richtung, denn die Kritik am Heimatfilm setzt sich aus widersprüch-lichen Strängen zusammen: Rechte Kulturkritik mischt sich mit linkerAblehnung der Kulturindustrie und verbindet sich mit einem intellektuellenRessentiment gegenüber der entstehenden Massenkultur. Das hat für Öster-reich besondere Bedeutung: Die Massenkultur( und damit die vom Touris-