Aufsatz in einer Zeitschrift 
Zur Typologie der Breverl : über ein in St. Gallen 1996 aufgefundenes Exemplar
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LIV/ 103, Wien 2000, 55-75

Mitteilungen

Zur Typologie der Breverl

Über ein in St. Gallen 1996 aufgefundenes Exemplar

Peter Ochsenbein

Im Herbst 1996 wurde im Dachstock eines Privathauses in St. Gallen einfast vollständig erhaltenes sog. Breverl aufgefunden. Die Besitzer verkauf-ten es der Stiftsbibliothek St. Gallen, wo es heute im Kuriositätenkabinettaufbewahrt wird. Im folgenden soll der Fund kurz vorgestellt werden.

Ein Breverl ist ein Komposit- Amulett und besteht aus mindestens 25-30Einzel- Amuletten.' Es ist- wie die Forschung bis heute meint- frühestensseit 1726( Heiligsprechung von Franciscus Solanus) bzw. 1729( Heiligspre-chung von Johannes von Nepomuk) vornehmlich in Altbayern als Kernlandbelegt und endet im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, freilich mit kurzemWiederaufleben im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Seine Entstehungdürfte aus einem Kapuzinerkloster hervorgegangen sein, da vornehmlichFranziskanerheilige dargestellt werden. Das Breverl wird durch ein Säckleinaus Brokat, Seide oder einem einfacheren Stoff geschützt, das, mit Kettchenoder Schnur versehen, meistens am Hals getragen wurde. Bei Krankheitenwurde es unter das Kopfkissen gelegt. Im Innern des an den Rändern gutvernähten Säckleins findet sich ein Bogen aus grauem, meist grobem Papier,dessen Außenseite hellrot eingefärbt ist, wohl als Atropaion in Anlehnungan die blutverschmierten Pfosten der Israeliten in Ägypten.2

Das neu aufgefundene St. Galler Breverl weicht von dieser üblichenBeschreibung ab. Denn im Gegensatz zu den sonstigen Breverln, die durch-schnittlich 50 x 70 cm groß sind, mißt das St. Galler Säcklein lediglich 22 x6 cm( Abb. 1). Es besteht aus Leinenstoffgewebe( mit zusätzlicher Ketten-verzierung), das als Längsstreifen zweimal gefalzt ist, so daß die fastquadratischen Flächen( von 1. nach r.: 7 x 5,5 cm, 8 x 5,5 und 6,5 x 5,5, wobeidieser letzte Teil in die Spitze verläuft und der überschüssige Stoff nachinnen mit weißem Faden vernäht ist) einen dreiteiligen Beutel bilden, andessen beiden Seiten je eine Leinenschnur( Länge 10 cm) vernäht ist, die diebeiden äußeren Taschen fest verschließen sollen. Der Rand des Stoffes istmit einer Goldspitze umsäumt. Im Innern des Beutels wurde ein handge-