Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIV/ 103, Wien 2000, 15-36
Von Übergang zu Übergang- Ist Van Gennepnoch zu retten? ¹
Andreas C. Bimmer
Im Mittelpunkt des Aufsatzes stehen der französische Volks-kundler Arnold Van Gennep und sein berühmtes Werk der,, Rites de Passage"( 1909). Es geht aber ausschließlich um dieRezeption in der deutschsprachigen, zeitgenössischen Volks-kunde, ein bisher wenig beachteter Aspekt der Wissenschafts-geschichte. Einlassungen auf die Biografie des Ethnologenergänzen den Text, um die weithin übliche Reduzierung VanGenneps auf die Rites de passage und umgekehrt ein wenigaufzulösen. Die Ausführungen werden in das Konzept desÜbergangs eingebettet, exemplarisch angewendet auf denJahrhundert- und Jahrtausendwechsel 1999 auf 2000 als Auf-gabe der Brauchforschung.
Angesichts des bevorstehenden Jahrtausendwechsels ist es müßig,die volkskundliche Relevanz eines solchen Themas sorgfältig zubegründen. Ja, eigentlich besteht die Erwartung einer interessiertenÖffentlichkeit, von uns etwas zu erfahren, zu Recht, und uns Volks-kundlern sollte es ebenso recht wie gelegen kommen, sich darüberaus unserer Perspektive Gedanken zu machen.
Für eine Wissenschaft, die sich mit den das Leben begleitendenund ausschmückenden Bräuchen, Ritualen und Normierungen be-fasst, ist der Übergang von einem zum nächsten Jahrtausend einäußerst einmaliges Ereignis, um es in der Gegenwartssprache derSuperlative auszudrücken: ein Super- Übergang, ein Mega- Übergang.
Natürlich kann man sogleich die Schelte des Opportunismus, desvorschnellen Aktionismus erheben auf dem Göttinger Kongresswurde in einer Diskussion beklagt, nicht jedes Spiegel- Thema amMontagmorgen dürfe auch gleich zu einem Thema unseres Faches
1 Ausfertigung eines Vortrages, gehalten im Österreichischen Museum fürVolkskunde am 9. Dezember 1999 im Rahmen einer Vortragsreihe zur Aus-stellung: ,, 2000: Zeiten/ Übergänge". Die Ausstellung zur Jahrtausendwende.