I. Abhandlungen und grössere Mitteilungen.
Das Kaiser Karl- Museum für österreichische Volkskunde.Von Professor Dr. M. Haberlandt 1).
Wenn ein Haus aufgerichtet wird und bis zur Dachgleichegediehen ist, so will es die schöne alte Bausitte, daß ein bescheidenesRichtfest den Augenblick feiert.
Nach der langen mühsamen Bauzeit widmet der Werkführer ineiner kurzen Arbeitspause dem Bau, den junges Grün und ein paarflatternde Bänder schmücken, einen Sinn- und Segensspruch undwünscht ihm für alle Zukunft Glück und Bestand.
Ein solches Richtfest vor einem der Vollendung sich näherndenWerke feiern wir heute.
Dieser geistige Bau, dieses Werk, das seiner Bekrönung zu-strebt, ist unser Museum für österreichische Volkskunde.Es ist das Museum Österreichs, wie es mir bei seiner Gründung vorfast einem Vierteljahrhundert vorschwebte, eine ideale Heimstätte,in welcher die Völker Österreichs mit ihren eigensten Gütern ein-trächtig beieinander wohnen sollen, mit allem, was sie sind und wassie können, in welchem ihr angestammtes Volkstum, ihre eigensteArbeit, ihre Sitte vorbildlich und anregend in Gegenwart und Zukunfthinüberwirken mögen. In welchem auch ihre Beziehungen zueinander,ihre gegenseitigen Beeinflussungen und Bereicherungen sinnfälligoffenbar werden und ihr unlösliches Beisammenstehen im gemein-samen Staatsrahmen machtvoll zutage tritt.
Leicht ist der Aufstieg aus seinen bescheidenen Anfängen seit23 Jahren unserem Museum wahrlich nicht geworden. In dem letztenZeitabschnitt, in dem das Werk überhaupt noch aufgegriffen unddurchgeführt werden konnte, ist aus dem hinschwindenden alten Volks-besitz, aus dem Schiffbruch und Niedergang zahlreicher bäuerlicherExistenzen, aus den letzten Schlupfwinkeln altertümlicher Daseins-formen Stück um Stück des Museumsgutes zusammengetragen undwieder zu sprechenden Lebensbildern unserer Völker zusammen-gestellt worden. Bei der Eröffnung unseres Museums zu Beginn 1897waren es etwa 3000 Nummern. Die Ziffer verdoppelte, verdreifachtesich Jahr um Jahr, und heute ist die Sammlung des Museums fürösterreichische Volkskunde mit rund 40.000 Museumsgegenständen
1) Vortrag, gehalten in der Jahresversammlung des Vereines für österreichischeVolkskunde am 16. April d. J.