Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
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22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Ethnographische Chronik aus Österreich.

eine Million von Köpfen zählende Flüchtlingsstrom aus dem Nordosten und Südwestender Monarchie ist durch seine Unterbringung, Verpflegung und Versorgung und endlich,soweit die Jugend in Betracht kommt, auch durch seine kulturelle und schulmäßigeAusbildung in gänzlich veränderter, zumeist deutscher Umwelt stärksten umbildendenEinflüssen und Eindrücken ausgesetzt gewesen, die sich nach der Rückkehr der Flüchtlingein die alte Heimat nicht anders als in hohem Grade kulturförderlich äußern werden. DieKulturmission der Zentralgebiete Österreichs in sprachlicher, bildungsmäßiger, handwerklich-technischer Hinsicht hat hier angesichts der unfreiwilligen Massenvölkerwanderung ausden peripheren Gebieten der Monarchie ein unerwartet ergiebiges Feld konzentrierterBetätigung bekommen. Mit Recht ist aber auch bei der Beschäftigung dieser vielfachdurch traditionelle Arbeitsgeschicklichkeit und volkskünstlerische Begabung ausgezeichnetenBevölkerungselemente, wie der Ruthenen Ostgaliziens und der Bukowina, der mittel-galizischen Polen, der istrianischen, dalmatinischen und küstenländischen Italiener, Moslakenund Slowenen in den Flüchtlingslagern, auf diese angestammten Produktionskräfte zurück-gegriffen worden. Man hat unter entsprechender Anleitung und Materialvorsorge denkunstfertigen Händen der ruthenischen und dalmatinischen Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber und Mädchen Gelegenheitgegeben, ihre altbewährten Stickereikünste und verwandten Fertigkeiten( Perlenarbeit,Wirkarbeit, Spitzenklöppelei, Filetarbeit und dergleichen) zu betätigen, und speziell durchdie ruthenischen weiblichen Flüchtlinge Ostgaliziens ist geradezu eine volkskünstlerischerettende Tat bewerkstelligt worden. Die Russen hatten während der Besetzung Ostgaliziensim gewalttätigen Bestreben, die nationalen Kräfte der ruthenischen Bevölkerung zuunterbinden und auszurotten, alle Zeugnisse der volkskünstlerischen Betätigung derBevölkerung in den Museen, Privatsammlungen bis auf die ländlichen Haushalte heruntervernichtet. Es galt nun, den ländlichen volkskünstlerischen Ornamentenschatz Ostgaliziensaus dem treuen Formengedächtnis der bäuerischen Flüchtlinge heraus zu retten, indemdie Mädchen und Weiber Glossar ::: zum Glossareintrag  Weiber der einzelnen Dörfer in den Flüchtlingslagern veranlaßt wurden,die ihnen vertrauten traditionellen Ornamente in Musterproben auszuführen, wodurch nuneine ganz einzigartige Sammlung und Festlegung des Ornamentenschatzes Ost- undMittelgaliziens zustande gebracht worden ist. Dies eine schwerwiegende Beispiel zeigtwobl zur Genüge, mit welcher sachkundigen Umsicht durchwegs in allen Fragen auf demvielverzweigten Gebiete der Flüchtlingsfürsorge vorgegangen worden ist. Für alle Zeitenbleibt diese Aktion ein Ehrenzeugnis kultureller und ethnischer Arbeit derStaatsverwaltung, deren wohltätige Früchte in Gegenwart und Zukunft nicht hoch genuggeschätzt werden können. Die österreichische Völkergemeinbürgschaft hat hier eineungeheure Probe glänzend bestanden.

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Prof. Dr. M. Haberlandt.

Dechant Franz Franzisci. Die neunzigste Wiederkehr des Geburtsfestes dieses viel.verdienten, ehrwürdigen Begründers der kärntnerischen Volkskunde( geb. 25. Dezember 1825)darf in unseren Kreisen nicht unbeachtet vorübergehen. Mit den dankbarsten Wünschenund aufrichtiger Huldigung für eine vieljährige verdienstvolle wissenschaftliche Tätigkeitsei hier des greisen Nestors der heimischen Volkskunde gedacht. In seinen Kulturstudienüber Volksleben, sitten und Bräuche in Kärnten", seinen Kärntner Märchen, den WerkenVolkslebensbilder aus Kärnten, Kärntner Alpenfahrten, Landschaft und Leute, Sitten undBräuche in Kärnten", endlich dem vor wenigen Jahren erschienenen Buche Aus denKärntner Alpen", wie in zahlreichen verstreuten Aufsätzen und Schilderungen ist eineunübersehbare Fülle volkskundlichen Stoffes gesammelt und der Forschung bereitgestelltworden. Dechant Franzisci hat in Kärnten erfolgreich Schule gemacht. HervorragendeForscher, wie Prof. Dr. Primus Lessiak, Prof. Dr. G. Graber und andere, setzen sein Werkerfolgreich fort. Dem seltenen Manne seien die verehrungsvollsten Glückwünsche fürseinen Lebensabend auch an dieser Stelle dargebracht.

Prof. Dr. M. Haberlandt.