Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde

  
Jahrgang 
22 (1916) / Zeitschrift für österreichische Volkskunde
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Thirring- Waisbecker.

Den Unterschied zwischen der ungeschlachten, langsamen Heanzen-melodie und dem hüpfenden Rhythmus ¹) des steirischen und über-haupt des Alpenliedes kennzeichnet das Lied» Ich hab' schon dreiSommer« unserer Sammlung und der Sammlung des Dr. A. Schlossar» Deutsche Volkslieder aus Steiermark«. Die Heanzenmelodie klingtzwar an, aber den frischen Rhythmus hat sie verloren, die Melodieklingt ernster, schleppend; die Melodien weichen fast immer mehrvon einander ab als die Texte.

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Der Heanze singt selten zum Tanz, das einzige Tanzlied unsererSammlung ist der» Strohschneidertanz«<. Am liebsten singen unsereHeanzen nach getaner Arbeit, von den Feldern, von den Weingärtenheimkehrend, sich in engen Ketten aneinanderschließend; der viel-stimmige Chor klingt in einer gewissen Entfernung schön und kräftig.Es ist oft bewundernswert, wie die begleitenden» groben« StimmenAlt und Baẞ präzis die Begleitung treffen. Das in den Alpen-ländern bekannte Übersingen, 2) wo die Melodie in tieferer Lage geführtwird, die Begleitung viel höher, habe ich bei den Heanzen nie bemerkt.Früher waren die winterlichen Spinnstuben die Heimstätten derschönen Volkslieder, jetzt spinnen die Maschinen statt fleißiger Mädchen-hände; aber auch jetzt kommt die Jugend noch bei manchen Winter-arbeiten, wie Federnschleißen, in dem Hause einer bekannten Bäuerinzusammen, um dort den Abend mit fröhlichem Gesang, manchmalauch Tanz zu beschließen. Da lehren die Alten jene Lieder, die zuihren Zeiten gesungen wurden, da wird aber auch oft ein fremder,darum bewunderter Gast von dem heimkehrenden Soldaten oder demHandwerker, der in der Fremde war, von den nach Hause kommendenDienstmädchen und Fabriksarbeiterinnen eingeführt, ein neuer Gassen-hauer aus Wien, ein Operettenlied gelegentlich. Aber die aufdring-lichen städtischen Akzente derselben klingen gar sonderlich nebenden lieblichen Dorfliedern, sie werden bewundert, aber bald vergessen;denn so sehr auch die fortschreitende, alles nivellierende und ver-allgemeinernde Kultur die Reize der einstigen stillen Dörfer schädigt,so blieb doch und wird hoffentlich noch lange, wenigstens in denvon den lebhafteren Verkehrsstraßen abseits liegenden Orten, ein Restureigener Poesie, ein Rest einfacher, echt ländlicher gesunder Sittenzurückbleiben.

Nun müssen wir aber die verwandten Züge des Heanzenliedesmit jenen seiner steirischen und österreichischen Nachbarn hervor-heben.

Wenn auch der Heanze den eigentlichen Jodler nicht kennt, sodrückt er seine Freude, seinen Jubel besonders in der Weinlesezeit

1) Ferdinand Krauß und Ferdinand Bischoff sagen von dem Steirer, daß manihn im Liede kraxln und tanzen sieht( Krauß: Die eherne Mark, I. Bd.; F. Bischoff:Die österreichisch- ungarische Monarchie in Wort und Bild).

2) Pommer, V. Bd., S. 46, und Böckel- Vilmar, S. 5.