I. Abhandlungen und grössere Mitteilungen.
Volkslieder der Heanzen. 1)
Gesammelt und mitgeteilt von Irene Thirring- Waisbecker, Budapest.
( Mit 46 Melodien.)
Mit der liebenswürdigen Hilfe des( seither zum großen Leidwesender Wissenschaft allzufrüh verstorbenen) Herrn Kustos J. R. Bünkerin Sopron( Ödenburg) stellte ich meine Sammlung heanzischer Volks-lieder in der jetzt vorliegenden Folge zusammen, die einigermaßendie Sammlung J. R. Bunkers, die im dritten und vierten Heft desXV. Jahrganges der» Zeitschrift für österreichische Volkskunde<<erschienen ist, ergänzen soll.
Wir teilten die Lieder in zwei größere Gruppen. In die ersteGruppe faßten wir die Vierzeiler, Scherz- und Necklieder, dann Liebes-und Abschiedslieder zusammen; in die zweite Gruppe nahmen wirdie Balladen und balladenartigen Lieder, Soldatenlieder, Marienlieder,endlich eine kleine Auswahl von Kinderliedern auf.
Die Vierzeiler und Scherzlieder, deren viele dem Boden derHeanzerei entstammt sind, charakterisiert die Neigung zum Spott,zur derben Ausdrucksweise, die Bünker in seiner oben erwähntenArbeit betont; jedoch fand ich schon als junges Mädchen, dem Gesangunserer Arbeiterinnen lauschend, einen seltenen Schatz von alten
1) Unter dem Namen Heanzen versteht man bekannterweise die deutschenBewohner Westungarns, die im Eisenburger und Ödenburger Komitat sich um die StädteÖdenburg( Sopron), Eisenstadt( Kis- Marton) und Güns( Kőszeg) gruppieren. Die erste,wahrscheinlich fränkische Einwanderung in dieses gebirgige Grenzgebiet geschah zur ZeitKarls des Großen. Zur Zeit der Niederlassung der Ungarn dürfte sich das deutsche Grenz-volk wohl in die dicht bewaldeten Berge zurückgezogen haben, bekam dann in den fried-lichen Zeiten des heiligen Stephan und der späteren ungarischen Könige, die den Wertder tüchtig arbeitenden deutschen Einwanderer erkannien, neue Verstärkungen durchsüddeutsche, hauptsächlich bayrische Ansiedler, zu welchen sich fortwährende Zuzüge ausden nahen österreichischen, steirischen Gebieten gesellten.
Unsere Heanzen zählen zu den tüchtigsten und gebildetsten Volksgruppen Ungarns.Gute Schulen sorgen dafür, daß es unter den Heanzen keine Analphabeten gebe. Infleißiger Arbeit verdienen sich die Gebirgsheanzen ihr Brot, ihre Felder noch hoch auf denBerglehnen bestellend. Manche Ortschaften betreiben lebhaften Handel mit Obst, Waren,Holz, andere haben intensivere Industrie. Die Ortschaften bestehen meistens aus nettgebauten Häusern, deren Typen Bünker in mehreren Arbeiten beschrieben hat.
Ein interessanter Zeuge einer einstigen sehr alten Kultur war jene Schrift, dieBürgermeister August vor mehreren Jahren in Güns gefunden hat; es ist dies einBruchstück des Mal. Renout v. Montalbaen, welches Prof. Roethe in Berlin, nachdemihm das Bruchstück eingesendet wurde, in der„ Zeitschrift für deutschesAltertum und deutsche Literatur" eingehend würdigte. Jedenfalls warenviele Klöster und zahlreiche Burgen, deren Ruinen noch jetzt die Höhen unserer Bergeschmücken, Heimstätten der deutschen Kunst- und Literaturbewegungen des Mittelalters.
Zeitschrift für österr. Volkskunde. XXI.
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