Heft 
45 (2010) 1-10
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45. Jg./2010

Volkskunde in Österreich

Folge 2

wir etwa seit Mitte der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein wiedererwachendesbzw. wachsendes Interesse an Dingen. Und nicht zufällig ist in den entsprechendenFachdiskursen die ältere Bezeichnung Sachkultur hinter die neue, auch im engli-schen gebräuchliche materielle Kultur/ material culture zurückgetreten. Dahintersteht ein Paradigmenwechsel, der zwar nicht vollkommen neu ist, aber dennoch stär-ker als bisher nach den Wechselwirkungen von Dingen und menschlichen Bedeu-tungszuschreibungen fragt. Form und Funktion, Zeichen- und Symbolhaftigkeit vonObjekten sind deshalb nicht obsolet, sie werden aber unmittelbarer als früher auf ihrErkenntnispotential für Mensch- Ding- Beziehungen hin analysiert. Mit der Be-zeichnung ,, materielle Kultur rückt aber auch die Stofflichkeit bzw. Materialität derDinge( in ihren Bedeutungen für den Menschen) selbst in ein neues Licht. Dabei stelltsich in letzter Konsequenz die Frage, ob Kultur überhaupt ohne Materialität denkbar,ob nicht alle Kultur materiell sei. Damit ist ein weites Feld kulturpraktischer- aberauch-theoretischer Probleme angesprochen, die die 26. Österreichische Volkskunde-tagung 2010 auf mehreren Ebenen erörtern möchte. Der Call for papers richtet sichgleichermaßen an Vertreter der Fächer Europäische Ethnologie/ Kulturanthropologie/ Empirische Kulturwissenschaft/ Volkskunde wie an Kolleginnen und Kollegenverwandter Disziplinen, und möchte im interdisziplinären Diskurs die besonderenKompetenzen der oben genannten Fächer in der Beschäftigung mit dem skizziertenThemenfeld ausloten.

1. Stoffgeschichten

Unter einer ersten Perspektive möchten wir zu Beiträgen einladen, die sich mit derGeschichte und gegenwärtigen Bedeutung, aber auch der Bearbeitung bestimmterStoffe bzw. Materialien befassen. Dabei könnten sowohl Rohstoffe( organi-sche/ anorganische, tierische/ pflanzliche/ mineralische) wie daraus hergestellte Verede-lungsprodukte und schließlich Artefakte ebenso in den Blick genommen werden( z.B. Bodenschätze- Metalle daraus erzeugte Werkzeuge) wie die Kehrseite desStofflichen( Giftstoffe, Schadstoffe, Gefahrstoffe, Müll- und Abfallstoffe).2. Stoffqualitäten

In einem zweiten Themenbereich sollen bestimmte Qualitäten des Stofflichen, wie siemit unseren fünf Sinnen wahrgenommen werden, angesprochen werden. Wir ladenzu Beiträgen ein, die sich mit der Rolle der Sinne in der volkskundlichen Forschungauseinandersetzen und sich z.B. mit Düften und Geschmäckern, mit Farben, Tönenund anderen Geräuschen oder mit der tastbaren Oberfläche von Dingen beschäftigen.Hier wäre es auch wünschenswert, Beiträge zu versammeln, die sich mit der körper-lich- sinnlichen Wahrnehmung der Dinge und der Verdinglichung des Körpers, mitder besonderen Qualität von Körperstoffen wie Blut, Tränen und Schweiß, Haut,Haar oder menschlichen Organen und dem kulturwissenschaftlichen Umgang damitbeschäftigen.

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