Heft 
17 (1982) 1-10
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23. Dez. 1981

VOLKSKUNDE IN ÖSTERREICH

NACHRICHTENBLATT DES VEREINES FÜR VOLKSKUNDE

Jahrgang 17

Wien, Jänner 1982-85

Folge 1

In tiefer Trauer geben wir die Nachricht, daß Herr

w. Hofrat i. R.

titl. a. o. Univ.- Prof. Dr. Leopold Schmidt

Präsident des Vereins für Volkskunde in Wien

Direktor i. R. des Österreichischen Museums für Volkskundew. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaftenk. Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften

am Samstag, dem 12. Dezember 1981, nach schwerem Leiden, im 70. Lebensjahr unerwartet ge-storben ist. Die Volkskunde verliert in Leopold Schmidt einen der namhaftesten Vertreter ihresFaches. Seit 1945 bis zur Pensionierung im Jahr 1978 war er Direktor des Österreichischen Mu-seums für Volkskunde, für welches er unmittelbar nach dem Krieg eine von Grund auf neue Auf-stellung und innere Modernisierung schaffen und in den sechziger Jahren die drei bekannten Au-Benstellen Sammlung Religiöse Volkskunst mit der alten Klosterapotheke im ehemaligen WienerUrsulinenkloster, Schloßmuseum Gobelsburg und Märchenmuseum Schloß Raabs gründen undeinrichten konnte. Als Generalsekretär der ,, ersten Stunde" und späterhin über viele Jahre hin-weg als Präsident des Vereins für Volkskunde in Wien hat er 1945 die dritte Serie der alten Volks-kundezeitschrift als ,, Österreichische Zeitschrift für Volkskunde" wieder ins Leben gerufen. DieVollendung des 34. Bandes dieses hochangesehenen wissenschaftlichen Organs der gesamtöster-reichischen Volkskunde konnte er in den vergangenen Dezembertagen gerade noch zu seiner letz-ten Freude erleben. Leopold Schmidt, wohl einer der letzten Universalisten des Faches Volkskun-de, hat sich sein Leben lang besonders von den Themen Volksschauspiel, Volkslied, Erzählfor-schung, Volksbrauch, überlieferte Sachkultur und Volkskunst angezogen gefühlt. Eine überausgroße Zahl von Büchern, Abhandlungen und Aufsätzen legen von seinem unglaublichen Gelehr-tenfleiß und einem stupenden Wissen für immer Zeugnis. Seine gedruckte Bibliographie umfaßteinschließlich der bis zuletzt regen Rezensionstätigkeit rund viertausend Einzelnummern. All daszusammen hat dem Wissenschaftler und Museumsmann, der 35 Jahre hindurch zugleich als Uni-versitätslehrer tätig war, neben vielen öffentlichen Auszeichnungen die wirkliche Mitgliedschaftder Österreichischen Akademie der Wissenschaften eingebracht. Diese höchste wissenschaftlicheAnerkennung hat der Verstorbene in seiner ihm stets eigenen Bescheidenheit einmal selbst gewer-tet als ein ,, Beweis dafür, daß ich auf allen Wegen das scheinbare Stückwerk meines FachesVolkskunde als ein Ganzes zu erkennen und zu erweisen versucht habe". Noch in den Spätjahrenglückte ihm die Gründung des Instituts für Gegenwartsvolkskunde der Österreichischen Akade-mie der Wissenschaften, weshalb der Name von Leopold Schmidt nicht allein mit der wissen-schaftlichen Erneuerung der Volkskunde als historische, sondern auch als gegenwartsbezogeneGeisteswissenschaft verbunden bleiben wird.

Die Direktion desÖsterreichischen Museums für Volkskunde

Der Vorstand desVereins für Volkskunde in Wien

SKUNDE

WIEN