Jg. 3/1968
Volkskunde in Österreich
BERICHTE
Folge 5
Französische Volkskunst im Schloßmuseum Gobelsburg
Das Österreichische Museum für Volkskunde in Wien war von seinen Begrün-dern, den beiden Wiener Ethnographen Michael HABERLANDT und WilhelmHEIN, 1895 als Sammlung des bäuerlichen Kulturgutes für das Gesamtgebietaller Sprachnationen der cisleithanischen Reichshälfte der großen österreich-ungarischen Monarchie gedacht. Über diesen weitgesteckten Rahmen hinauserfolgten noch vor dem ersten Weltkrieg bedeutende sammlerische Ausgriffeauch auf Landschaften im Süden und Westen Europas. Im Sinne der von Wienaus besonders geförderten" Vergleichenden Volkskunde" wurden wertvolleKollektionen aus altertümlich verbliebenen Hochgebirgsgegenden in der Schweiz( Graubünden und Wallis), in Italien( Piemont), Frankreich( Savoyen) und Spa-nien( Baskenland), aber auch aus anderen europäischen" Relikt landschaften",wie etwa von der bretonischen Halbinsel, für das Museum eingebracht.Nach vielen Jahren eines durch die Raumverhältnisse im Schönborn' schen Som-merpalais, dem Wiener Stammhaus des Museums, bedingten Depotdaseins bie-ten nunmehr die erweiterten Ausstellungsmöglichkeiten im barocken SchloßGobelsburg die willkommene Gelegenheit, diese in ihrer Art und außerhalbdes Ursprungslandes wohl einmaligen Volkskunstbestände wieder allgemeinzugänglich zu machen. Im Anschluß an die ständigen Schausammlungen" Alt-österreichische Volksmajolika" und" Waldviertler Volkskunst", die sich seit1966 regen Interesses erfreuen dürfen, wird nun in diesem Jahr erstmals aucheine Sonderausstellung mit dem Thema" Französische Volkskunst" zugänglichsein, für die eigens ein geräumiger barocker Saal des Schlosses adaptiert wer-den konnte.
Es handelt sich bei dieser Ausstellung vor allem um das sammlerische Werk derbeiden Forscher Eugenie GOLDSTERN und Rudolf TREBITSCH aus der Schüler-generation von Michael Haberlandt, die noch vor dem ersten Weltkrieg dasHochgebirgstal der Maurienne in den savoyischen Alpen und die Bretagne be-reist haben. Aus ihren großen volkskundlichen Sammlungen wurden für die Aus-stellung charakteristische Beispiele ausgewählt: Geräte und Gegenstände dertäglichen Arbeit in Haus und Hof, der ländlichen Unterhaltung, des dörflichenFestes wie auch der volksfrommen Andacht. Ein Ensemble wertvoller bretoni-scher Möbel aus Eichenholz mit ihrem stil- und landschaftsgebundenen Schnitz-und Spindeldekor bilden sozusagen die Umrahmung des Saales, der in den ein-zelnen Vitrinen in zwangloser Gruppierung Beispiele der bretonischen undsavoyischen Hafnerkeramik und Majolika, bretonischer Musikinstrumente, ver-schiedenen Holzgerätes der savoyischen Alpwirtschaft und des bäuerlichenHausfleißes enthält. Künstlerisch treten besonders die Heiligenfiguren aus denWerkstätten des traditionellen Hausgewerbes der savoyischen Gemeinde Bessanshervor. Eine lebendige Beziehung der Gegenstände zu ihrer landschaftlichenund menschlichen Umgebung stellen die kräftigen Kreidezeichnungen des Wie-ner Malers Georg PEVETZ her, der während eines Aufenthaltes in der BretagneEindrücke vom bretonischen Volksleben sammeln konnte.
Die Ausstellung, zu der auch ein kleiner Katalog erscheint, ist ab MitteMai zu besichtigen.Klaus Beitl
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