Jg. 1/1966
Volkskunde in Österreich
BERICHTE
Folge 5
Die Sammlung Religiöse Volkskunde mit der altenKlosterapotheke im ehemaligen Wiener UrsulinenklosterBereits vor einiger Zeit konnte in diesem Blatt über die bevorstehende Eröff-nung der ersten Museumsaußenstelle des Österreichischen Museums für Volks-kunde berichtet werden. Die Arbeiten an der Sammlung Religiöse Volkskunstkonnten inzwischen abgeschlossen werden. Die feierliche Eröffnung wird An-fang Mai stattfinden. Die Vereinsmitglieder werden zu einer Eröffnungsfüh-rung eigens eingeladen.
Vor 70 Jahren, 1896, wurde das Österreichische Museum für Volkskunde ge-gründet; vor 50 Jahren bezog es das ehemals Schönbornsche Gartenpalais inder Wiener Josefstadt. Das Museum kam damals mit ungefähr 35.000 Objektenin das barocke Palais und füllte es sogleich aus. Seither hat sich der Gesamt-bestand, einschließlich der Graphiksammlung, auf ungefähr 78.000 Gegen-stände erhöht. Trotzdem muß das Museum mit diesem einen, längst schon zu enggewordenen Gebäude das Auslangen finden. Es gab manche Bemühungen, fürdieses größte Volkskundemuseum Mitteleuropas neue Ausstellungs- und Stu-diensammlungsräume zu gewinnen; allein die Zeiten waren dafür nicht gün-stig. Erst vor etwa 5 Jahren ergab sich eine Möglichkeit ganz neuer Art. Dasalte Wiener Ursulinenkloster in der Johannesgasse, ein großartiger barockerGebäudekomplex, wurde von seinen Bewohnerinnen verlassen und vom Bun-desministerium für Unterricht käuflich erworben. Als neuer Verwendungszweckergab sich die Unterbringung zweier Abteilungen der Akademie für Musik undangewandte Kunst. Im Innern des Gebäudes, im Erdgeschoß des nach außenhin spanisch- abweisend erscheinenden Zellentraktes, befand sich jedoch diealte Klosterapotheke, die das Bundesdenkmalamt an Ort und Stelle erhaltenwissen wollte und deshalb zusammen mit den unmittelbar angrenzenden Räu-men dem Österreichischen Museum für Volkskunde übergab.
Aus den sehr vernachlässigten Wirtschaftsräumen rund um die Apotheke konntein den letzten Jahren in Zusammenarbeit mit der Bundesgebäudeverwaltungeine Raumfolge geschaffen werden, die nunmehr eine sehr schöne geschlosseneMuseumseinheit bildet.
-
Das Österreichische Museum für Volkskunde hatte in diesem Rahmen wohl nurdie eine Wahl, seinen reichen Depotbeständen die so gut wie unbekannten,nie gezeigten Stücke zur Religiösen Volkskunst zu entnehmen und in thema-tischer Gruppierung Christus- Frömmigkeit, Marien- Devotion, Verehrungeinzelner Heiliger und Heiligengruppen auszustellen. Die Apotheke mitihren hübsch bemalten Möbeln und dem Gemälde" Christus als Apotheker" bil-det hierzu das sinnvolle Mittelstück, das auf den Zusammenhang der weltli-chen Pharmazie mit den geistlichen Heil- und Hilfsmitteln hinweist.
-
Die Sammlung Religiöse Volkskunst ist sowohl aus dem reichen, sieben Jahr-zehnte hindurch geschaffenen Bestand des Museums erwachsen, wie auch aus dergerade in Wien besonders geförderten Forschung auf diesem Spezialgebiet.( Is.)
18