waren die Schuhe bereits im Museum in Wien ver-wahrt. Bosnien- Herzegowina galt( und gilt vielenheute noch) als ein sogenanntes Reliktgebiet, alsoein Gebiet, in dem sich alte( archaische) Kulturfor-men, Traditionen und mit ihnen die Gegenstände,wie die Opanken, über sehr lange Zeiträume angeb-lich unverändert erhalten hätten. An diesem Bild,aber durchaus auch an der Erforschung der tatsäch-lichen Gegebenheiten, arbeiteten die VertreterInnender damals neuen Wissenschaften vom Menschen,die Ethnologen und Prähistoriker der Österreich- Un-garischen Monarchie. Das Wiener Volkskundemuse-um hatte enge Kontakte zu den Kollegen und Kol-leginnen im Land und legte eine rund 600 Objekteumfassende bosnisch- herzegowinische Sammlungan, die heute besondere Brisanz hat, nachdem demBosnisch- Herzegowinischen Nationalmuseum in Sa-rajevo 2012 sämtliche Mittel entzogen wurden undes damit quasi aufhörte zu existieren. Das Museumhatte Objekte der katholischen, orthodoxen undmuslimischen Bevölkerung Bosniens verwahrt, wobeiGegenstände und Trachten bis zur Ethnisierung derReligionsgruppen im Zuge des Jugoslawienkriegsnicht bzw. nur sehr eingeschränkt anhand von Mus-tern oder Formen zuordenbar waren.
Als Opanken werden absatzlose Schuhe bezeich-net, an deren hochgebogenen Sohlen mit einer oftschnabelförmigen Spitze der Schaft angeflochten ist.Wie viele andere Produkte der Volkskunst, vor allemKleidungsstücke in Form von Trachten, wurden auchdie Opanken zu einem Nationalsymbol. Als typischesSchuhwerk der ländlichen Bevölkerung Südost- undOsteuropas gab es sie in der Folge als Souvenirartikelausgeführt zu erwerben. Auch in Bosnien wurden imZuge der Gewerbeförderung der Habsburgermonar-chie Schulen und Musterbetriebe errichtet, die dieQualität der handwerklichen Produkte verbessernund ihre Ausführung dem Zeitgeschmack anpassensollten, um ihren Absatz zu erhöhen. Das führt michzur Frage: Für wen und von wem wurden meine Lieb-
lingsobjekte tatsächlich hergestellt? Das Inventar-buch gibt darüber keine Auskunft. Wohl aber ist dortzu lesen, dass es Franz Gaul( 1837-1906) war, der siedem Museum überantwortete. Der Historienmaler,Ausstattungsleiter der Wiener Hofoper und Grün-dungsmitglied des Vereins für Volkskunde, hatte eineüberaus umfassende Sammlung an Trachten, die erwohl auch immer wieder als Requisiten einsetzte.Außerdem publizierte er zu den„ Österreichisch- un-garischen Nationaltrachten" und wirkte so an demBild mit, das wir heute von einzelnen Trachten, aberauch von den Trachten an sich, haben. Waren dieSchuhe also ein„, Fund" vor Ort, somit Gebrauchs-gegenstände, oder handelte es sich doch mehr umeine„ Erfindung" von Musterbetrieben oder etwavon Gaul selbst, also um Konstrukte, die lokale Iden-titäten oder archaische Vorstellungen vom Landle-ben erzeugen sollen? Und in wie weit ist diese Frageüberhaupt klar zu beantworten, selbst wenn Herstel-ler und Herstellungsort bekannt wären? Bei so vielenObjekten des Volkskundemuseum trifft nämlich bei-des zu und lässt sich von vorneherein gar nicht klarvoneinander trennen, weil sie Teil eines Identitätsbil-dungsprozesses sind, der im 19. Jahrhundert einenersten Höhepunkt hatte und heute immer noch wirkt.
Diese Opanken sind meine Lieblingsobjekte, weil siefür letztlich falsche Kontinuitätsvorstellungen stehen,für die Konstruktion des„ Balkan", für die gesell-schaftlichen und politischen Veränderungen durchdie Weltkriege, für Nationalismen und romantischeVerklärungen von vielleicht gar nicht vorhandenenTraditionen und alten Handwerkstechniken. Sie wer-fen viele Fragen auf und verweisen darauf, dass esauf viele Fragen keine eindeutigen Antworten gibt.Und gerade deshalb ist es wichtig, sie zu stellen.
Kathrin Pallestrang ist seit dem Jahr 2000 Mitglieddes wissenschaftlichen Teams im Volkskundemuse-um und seit 2010 Kuratorin der Textil- und Beklei-dungssammlung.
März- April 2015
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