Breit beschlagen
Bauchranzen, deren Gürtelriemen mit kleinen Zinnnieten beschlagen sind, werden im Deutschen umgangssprachlich als „Zinnnägel-Fatsche“ oder „Zinnfatsche“ bezeichnet (vgl. ÖMV/355). Unter einer sogenannten Fatsche versteht man einen breiten, geraden, aus Leder genähten Schnallengürtel. Synonyme Begriffe sind im Falle von beschlagenen Gürteln Gurt, Binde oder Ranzen. Daher werden mit Zinnnieten verzierte Bauchranzen auch „Zinnstiftranzen“ oder „Zinngurt“ genannt. „Nagelbinde“ ist ein Begriff, der Bauchranzen beschreibt, die sowohl mit Zinn- als auch mit Messingnieten versehen sind (vgl. ÖMV/2016).
Gürtel dieser Art wurden von Sattlern oder Riemenmachern – auch Riemer oder Riemenschneider genannt – produziert. Besonders Riemenmacher waren darauf spezialisiert, Leder zu Modeartikeln und Gürteln zu verarbeiten. Manche spezialisierten sich zu Gürtelmachern (Gürtler) und boten ebenfalls beschlagene oder bestickte Stücke an.
Zusätzlich zur Beschlagung wurden auch andere Techniken eingesetzt um die breiten Gürtel zu verzieren. In den Sammlungen zu finden sind beispielsweise Gürtelriemen mit Prägung (vgl. ÖMV/30141), welche mit zusätzlicher Zier durch Glassteine (vgl. ÖMV/23672), durch Lederapplikationen oder durch Zirmstickereien (vgl. ÖMV/11635). Als Zirm werden schmale, oft gefärbte, Lederstreifen bezeichnet.
Laut Inventarbuch handelt es sich bei zwei beschlagenen Bauchranzen (vgl. ÖMV/4339) und ÖMV/4340) um Teile eines Frauenensembles aus Rum in Tirol. Das Ensemble umfasst neben den beiden Ranzen zwei Hauben, zwei Tücher, zwei Jacken, eine Schürze, zwei Röcke, zwei weitere Gürtel, drei Hemden, einen Hut sowie Besteck. In der Textil- und Bekleidungssammlung des Volkskundemuseum Wien werden viele Ensembles aufbewahrt. Es erschließt sich nicht immer, ob die Objekte tatsächlich so von einer Person im Leben kombiniert getragen wurden oder ob es sich um eine Auswahl handelt, die beispielsweise extra für das Museum zusammengestellt worden ist. Aus heutiger Sicht ist das Kombinieren von Einzelobjekten im Museum äußerst problematisch, weil eine Zusammengehörigkeit suggeriert wird, die vielleicht nie bestanden hat. Ein weiterer Punkt ist, dass die in den Inventarbüchern notierten Informationen grade in der Frühzeit des Museums zu hinterfragen sind. Die beiden genannten Bauchranzen wurden 1896 erworben. Ob diese beiden Gürtel in Kombination mit den anderen genannten Kleidungsstücken und Accessoires jemals so getragen worden sind, ist nicht nachvollziehbar.
Modern waren beschlagene Bauchranzen zwischen Anfang des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts.
Federn im Leder?
Ende des 18. Jahrhunderts wurden Bauchranzen mit Federkielstickerei beliebt und lösten schließlich die beschlagenen Ranzen ab. Das Besondere an dieser Technik ist das verwendete Material. Dabei wird nicht mit schmalen Lederstreifen, Seiden- oder Baumwollgarn gestickt, sondern mit gespaltenen Federkielen von Pfauenfedern. Das ausgerechnet die Kiele von diesen Federn Verwendung finden, hat mit den Materialeigenschaften zu tun: Pfauenfedern sind im Vergleich zu anderen Federn lang und es lassen sich aus den einzelnen Kielen gleichmäßige, dünne Fäden zum Sticken gewinnen. Dazu kommt, dass die Pfauenfederkiele robust und gleichzeitig flexibel sind. Diese Eigenschaften bleiben bei den daraus hergestellten Stickfäden bestehen, was sich auf die Haltbarkeit der Stickereien auswirkt. Trotzdem wird das Leder mit einer Ahle vorgestochen, bevor die Fäden eingezogen werden. Seit 2019 ist diese Sticktechnik von der Österreichischen UNESCO-Kommission in das Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes in Österreich aufgenommen worden. Neben Bauchranzen wurden und werden andere Lederprodukte, wie zum Beispiel Taschen, auf diese Weise bestickt.
Wie bei den beschlagenen Bauchranzen gibt es unter den mit Federkielen bestickten Ranzen im Deutschen umgangssprachliche Bezeichnungen, wie „Blattlranzen“ (ÖMV/29), „Schlauchfatsche“ (vgl. ÖMV/2000) oder „Fatsche“ (vgl. ÖMV/12149). Bei einigen Exemplaren in den Sammlungen sind zusätzlich zu den Federkielen weitere Techniken und Materialien verwendet worden. Es wurden zum Beispiel Goldfäden (vgl. ÖMV/26604), Lederapplikationen (vgl. ÖMV/20243) und Zirm (vgl. ÖMV/2141) verarbeitet.
Geldkatze: die praktische Bauchtasche
Viele Bauchranzen in der Textil- und Bekleidungssammlung des Volkskundemuseum Wien verfügen über offensichtliche (vgl. ÖMV/87405/001) oder versteckte Taschen und Fächer – die durch Knöpfe (vgl. ÖMV/4351) oder Lederbändchen (vgl. ÖMV/26459) zu verschließen sind. Sie dienten der Aufbewahrung und dem Transport von Gegenständen wie Dokumenten oder Geld. Der Begriff Geldkatze hat nicht exklusive Gültigkeit für Bauchranzen. Auch andere, einfachere und schmalere Gürtel mit Fächern oder eingenähten Taschen wurden zumindest bis Ende des 18. Jahrhundert im deutschen Sprachgebrauch als Geldkatzen bezeichnet.
(Re)Präsentation
Einige Bauchranzen tragen heraldische oder christliche Motive, die Aufschluss über die Zugehörigkeit ihrer Trägerin bzw. ihres Trägers geben. Beispielsweise ist auf einigen Bauchranzen ein Doppeladler abgebildet. Auf dem Gürtel mit der Inventarnummer ÖMV/19437 prangt in der Mitte des Gürtelriemens ein nimbierter, gekrönter Doppeladler mit Schwert und Zepter. Dieses Wappentier und die Insignien sind eindeutig dem Heiligen Römischen Reich (HRR) zuzuordnen. Dementsprechend ist anzunehmen, dass dieses Exemplar auf dem Territorium des HRR produziert und getragen wurde – was sich mit dem im Inventarbuch angegebenen Herstellungs- und Verwendungsort Salzburg deckt. Ein beliebtes christliches Motiv auf Bauchranzen und dadurch eine Verdeutlichung der eigenen Glaubenszugehörigkeit war das Christogramm (vgl. ÖMV/2020).
Neben verschiedensten Motiven gab es auch eine Vorliebe dafür, den eigenen Namen (vgl. ÖMV/2019) oder die eigenen Initialen (ÖMV/2140) auf dem Gürtel zu verewigen lassen, was auf das Selbstverständnis der Trägerin bzw. des Trägers schließen lässt.
Bauchranzen taugen bis heute als Mittel der Selbstdarstellung und Kommunikation. Die genannten Motive sowie die Zier mit dem eigenen Namen sind bis heute gefragt. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts ergab sich ein weiterer Trend, der sich ebenfalls bis in die Gegenwart gehalten hat: Der Platz auf dem Gürtelblatt (umgangssprachlich im Deutschen auch Ranzenblattl genannt) wurde neben Namen, Initialen oder einzelnen Worten (vgl. ÖMV/5878) für kurze Sprüche (vgl. ÖMV/20388) genutzt, welche oft Hinweis auf die Profession des Trägers geben. Außerdem lassen neben den gewählten Motiven und Aufschriften auch Aspekte wie Kunstfertigkeit und Materialaufwand und die damit verbundene, in die Herstellung investierte Zeit erkennen, welchen sozialen Status oder finanziellen Hintergrund eine Person hatte. Es darf jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass es sich bei jedem Bauchranzen um ein individuelles Einzelstück handelte. Richtet man den Blick auf andere Sammlungen und Museen, wird deutlich, dass bestimmte Motive, Muster und Aufschriften mehrfach auftauchen bzw. dass einzelne Dessins bereits im 19. Jahrhundert seriell produziert worden sind.
Natürlich wurde auch kombiniert, wie bei dieser Fatsche mit der Inventarnummer ÖMV/34717, auf der sowohl ein Vor- und Nachname als auch ein einzelnes Wort verewigt sind. Gleichzeitig zeigt dieses Exemplar, wie aufwendig und materialintensiv ein Gürtel gearbeitet sein konnte.
Tatsächlich hatten breite Gürtel für manche Berufsgruppen einen praktischen Aspekt: Durch das Tragen von breiten Gürteln wird der Oberkörper stabilisiert und gestützt. Außerdem schützt er vor Zugluft, Kälte oder Messerstichen in den Unterleib. Alle diese Eigenschaften waren zum Beispiel bei langen Fahrten auf Fuhrwerken von Vorteil. Unter den ausgewählten 50 Bauchranzen befindet sich ein Objekt, welches – laut der Vorbesitzerin Auguste Kochanowska (1868–1917) – mit einer bestimmten Tätigkeit in Verbindung steht. In einem Schreiben ans Volkskundemuseum Wien führt sie den Bauchranzen mit der Inventarnummer ÖMV/32981 aus dem heutigen Rumänien als Hirtengürtel an.
Egal ob Hirtengürtel, Geldkatze, Blattlranzen oder Zinnfatsche – die Bauchranzen in der Textil- und Bekleidungssammlung des Volkskundemuseum Wien berichten subtil von ihren Trägerinnen und Trägern, deren Selbstverständnis und ihren zeitgenössischen sowie ortsgebundenen Vorlieben.
Maria Raid
Wissenschaftliches/Kuratorisches Team: Sammlungen, Archiv, Provenienzforschung & Restitution
11.05.2026
Weiterführende Literatur zum Bauchranzen mit Federkielstickereien und Nietenbeschlag:
Grübl, Walter: Riemer. Sattler. Federkielsticker. Reith im Albpachtal 2025.
