Leopold Schmidt
Rudolf Trebitsch zum Gedenken
Zur bevorstehenden Sonderausstellung des
Österreichischen Museums für VolkskundeAm 28. Jänner 1956 wird in den Erdgeschoß-Ausstellungsräumen des Museums in derLaudongasse eine kleine SonderausstellungVolkskundliches aus Großbritannien undIrland" eröffnet. An diesem 28. Jänner 1956wäre Rudolf Trebitsch 80 Jahre alt gewor-den, und dies ist der Grund, die Eröffnungdieser Ausstellung, die gleichzeitig eine ge-drängte Gedächtnisausstellung für RudolfTrebitsch sein soll, gerade an diesem Tag zueröffnen.
Der Sohn eines Wiener Seidenfabrikantenvom Brillantengrund, der also altersmäßigeiner Generation angehört hat, die so vielebedeutende Männer hervorgebracht hat, vondenen heute noch manche im Licht stehen,dieser junge Wiener der Zeit um die Jahr-hundertwende wandte sich wie seine Gene-rationsgenossen Stefan Zweig, sein Stief-bruder Siegfried Trebitsch und viele andere
nicht dem väterlichen Geschäft zu, sondernder Wissenschaft. Er wurde Mediziner, machtesein Doktorat, praktizierte jedoch nie, son-dern ließ sich von der damals in Wien raschaufsteigenden Anthropologie und Ethnologiefesseln. Er wurde Schüler von Rudolf Pöchund wandte sich zudem noch der Sprach-wissenschaft zu, dem Interessenkreis des ebenerst gegründeten Phonogrammarchivs derAkademie der Wissenschaften. Unter diesenVoraussetzungen und mit den Mitteln desväterlichen Hauses unternahm er 1906 einefünf Monate währende Expedition nach West-grönland, deren Ergebnis eine 457 Nummernumfassende Eskimosammlung Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimosammlung war, die heutedem Museum für Völkerkunde gehört. Auf70 Platten nahm Trebitsch die Eskimodialekte Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimodialektein Westgrönland auf, die Sammlung gelangteselbstverständlich in das Phonogrammarchiv.
1910 erschien dann Trebitschs Reisebericht inForm des Buches„ Bei den Eskimos Glossar ::: zum Glossareintrag Eskimos in West-grönland".
Unter dem Einfluß von Michael Haber-
landt, dessen Sammlung der österreichischenVolkskunde bereits hohes Ansehen errungenhatte, begann sich Trebitsch für die europä-ische Volkskunde zu interessieren. Zunächst
selbst sowie das frühmittelalterlich anmutendeStandkreuz mit der Harfe im Wappenschildbesonders auffallen.
Kleinbritannien, das heißt, also in die Bre-Von Großbritannien ging Trebitsch nachtagne, wo er 1911 eine stattliche Sammlungzu erwerben wußte, die mit 272 Nummernan unser Museum gelangte, das damit ent-
scheidend in die Richtung der„ vergleichen-den Volkskunde" gedrängt wurde, die sichunter den Schülern Michael Haberlandts inden letzten Vorkriegsjahren herauszubildenbegann und deren Tendenz entsprechend nundie Sammlung in den vergessenen EckenEuropas aufgenommen wurde, vielfach be-vor in jenen Ländern eigene Volkskunde-sammlungen entstanden. Trebitsch hat andieser Entwicklung den wichtigsten Anteil.
ging er nach Irland und in die anderen Rest-gebiete keltischer Sprachen im großbritanni-schen Raum. 1909 führte er in Wales, auf derInsel Man, wie bei den Gaelen in Schott-land Sprach- und Musikaufnahmen durch,wieder für das Phonogrammarchiv. Nur we-nige Sammlungsgegenstände materieller Na-tur brachte er heim und überließ sie, gleich-sam als Reiseandenken, dem Museum fürVolkskunde. Sie bilden heute den kleinenGrundbestand unserer Ausstellung. Trebitschinteressierte sich, dem Zug der WissenschaftDie ganze Entwicklung ging damals einiger-seiner Zeit entsprechend, für das Substrat,maßen stürmisch vor sich, die wissenschaft-liche Feinarbeit konnte mit der Aufnahme desfür die Unterschicht der keltischen KulturMaterials im Felde kaum Schritt halten. Sound deren Verbindungen zu Grönland, vonwo er ja ausgegangen war. Was damals Ju- erklärt es sich, daß der nächste Schritt Tre-lius Pokorny von keltistischer Seite her for- bitschs sogar mit Mißtrauen betrachtet wurde.mulierte, versuchte Trebitsch als Ethnolog Er ging nämlich nach der Bretagne nach Spa-zu überprüfen. Besonders das Schiffswesen nien und begann dort, besonders bei denall dieser alten Randvölker des Atlantik hatte Basken, zu sammeln. Nun war die linguisti-es ihm angetan. Die„ Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven Schiffsfahr- sche Baskenforschung damals gerade sehrzeuge" waren denn auch der Gegenstand sei- hoch entwickelt, und ihr Hauptvertreter inner Doktorarbeit, mit der er 1911 promovierte. Österreich, Hugo Schuchhardt in Graz, rietEin irisches„ Coracle", ein Lederboot mit Michael Haberlandt geradezu von der Erwer-Holzgerüst, brachte er auch für unsere Samm- bung der Sammlung Trebitschs ab. Nun, Tre-bitsch widmete auch diese Sammlung, nichtlung mit, dazu noch zwei Bootsmodelle, dievon seinem regen Interesse für den Gegen- weniger als 412 kostbare Stücke, dem Mu-stand zeugen. Da Trebitsch aber nicht nur seum, und zwar schon im Schicksalsjahr 1914.Da verstummten die kritischen Stimmen, undseinem Spezialgegenstand nachging, sondernauch Mundart- und Volksmusikaufnahmen wir können uns heute nur freuen, dadurchmachte, verbunden mit vielen Photographien, in Wien die größte Baskensammlung in Eu-so interessierte er sich auch für das irische ropa außerhalb des Baskenlandes selbst zuNationalinstrument, die Harfe, und für den besitzen.schottischen Dudelsack und vermittelte dieverschiedensten Zeugnisse darüber, bis zu denhübschen kleinen Ebenholzschnitzereien un-serer Ausstellung, unter denen ja die Harfe
Das Schicksalsjahr 1914 setzte nämlich denSchlußpunkt hinter diese ganze Entwicklung.Trebitsch konnte sich in den ersten Kriegs-jahren noch mit dem Museum beschäftigen,
mußte aber dann einrücken, und zwar zuseinem Entsetzen als Mediziner. Er war niepraktischer Arzt gewesen und konnte dahernicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Derden Lazarettdienst, zu dem man ihn zwang,offenbar immer schon melancholische Menschwurde regelrecht trübsinnig, und am Endeeines Spitalsaufenthalts in Judendorf bei Graz
machte er am 9. Oktober 1918 dort seinem
Leben ein Ende.
Der immer um das Museum besorgte For-scher hatte noch ein Legat hinterlassen, einensehr stattlichen Kronenbetrag, den sein VaterOskar Trebitsch denn auch treulich übergab,wie übrigens auch den gesamten handschrift-lichen und lichtbildlichen Nachlaß, von demin der Ausstellung nunmehr auch einige Pro-ben gezeigt werden. Das Legat freilichschmolz in der Inflation zusammen. Das Mu-seum geriet nach dem Versiegen dieser Geld-quelle bald in bitterste Not, aus der es erstdurch die staatliche Fürsorge mehrere Jahrespäter gerettet wurde. Die Baskensammlung,die nach dem Tode von Trebitsch MichaelHaberlandt selbst hatte veröffentlichen wol-
len, blieb unpubliziert, wie denn die Ver-gleichssammlung bei der Neuaufstellung inder Laudongasse- früher war die Volks-kundesammlung in der Börse untergebracht-überhaupt kaum mehr zur Geltung kam, wasbei der fürchterlichen Raumnot durchaus be-greiflich erscheint. Man ließ einige Zeit spä-ter aber eine bronzene Gedenktafel im Hof desalten Palais anbringen, die im Relief den Kopfdes unglücklichen Sammlers und Forscherszeigte: Undankbare Erben haben 1938 dieTafel abgenommen; sie ist verschollen.
Bei der Neuaufstellung nach 1945 konntendie Trebitsch- Sammlungen doch einigermaßenzur Geltung gebracht werden, wobei auch seinName wieder von den Wänden grüßt. Undjetzt, zum 80. Geburtstag, soll wenigstens diekleine Gedächtnisausstellung zeigen, daß dieLeistung dieses Forscherlebens nicht verges-sen ist.
Wiener Zeitung Mr. 18 v. 22.1.1956, 5.3