VORWORT.
Aus den Kreisen des textilen Kunstgewerbes und der ihm zugehörigen Schulen ist mehrfach der Wunschausgesprochen worden, daß der reiche und vielfach vorbildliche Schatz textiler Kunst, welchen mein im Vorjahreerschienenes Werk ,, Österreichische Volkskunst" aus den verschiedensten österreichischen Volksgebietenin mannigfaltiger Art ausgebreitet hat, ihnen für ihre praktischen Bedürfnisse in einer Sonderausgabe zugäng-licher gemacht werde.
In Übereinstimmung mit der Verlagshandlung hat der Herausgeber geglaubt, sich diesem Wunsche nichtverschließen zu sollen. Wenn auch die Absicht, die mich bei der Herausgabe des Gesamtwerkes geleitet hat,zunächst eine rein wissenschaftliche gewesen ist und hier die so reich entwickelte österreichische Volkskunstzum erstenmal eine durchgreifende wissenschaftliche Behandlung und Darstellung erfahren hat, so ist mir dieunausbleibliche Wirkung des mitgeteilten gewaltigen und anziehenden Volkskunststoffes auf die fortschaffendeProduktion doch natürlichermaßen als eine überaus erwünschte Nebenfrucht meiner Arbeit erschienen.
Unter allen im Gesamtwerke dargestellten volkskünstlerischen Arbeitszweigen hat wohl die textile Volkskunstnoch die lebendigsten Zusammenhänge mit der fortwebenden Arbeit der Gegenwart bewahrt. Seit jeher vor-wiegend als Kunst der ungelehrten Mädchen und Frauen des Volkes in Übung, besitzt die Textilarbeit in ihrenverschiedenen technischen Formen als Stickerei, Spitzenerzeugung, Wirk- und Perlarbeit noch immer in derhandarbeitenden Frauenwelt ihre unverlierbare Kundschaft und in den bescheidenen künstlerischen Bedürfnissendes bürgerlichen Haushaltes eine fortdauernde Lebensquelle. Daher ist auch in diesen Kreisen das Interesse fürdie volkskünstlerische Betätigung in Vergangenheit und Gegenwart am lebendigsten.
Jede Produktion bedarf von Zeit zu Zeit und heute mehr als je künstlerischer Auffrischung und der Zufuhrfrischen Erfindungsgeistes und erprobten Reizes. Es ist ein gutes Zeichen und ein erfreuliches Symptom deserstarkenden Heimatgefühls, das die schaffende Arbeit sich heute wieder mehr und mehr auf die Heimat undihre Überlieferungen besinnt. Angesichts des volkskünstlerischen Reichtums und der nationalen Mannigfaltigkeit,die uns speziell in Österreich wie auf jedem technologischen Gebiete, so auch in den textilen Volkskünstenentgegentritt, ist nicht zu besorgen, daß der mitgeteilte Volkskunststoff allzu leicht zur Schablone führe oder zusimpler Nachahmung verleite. Die alpenländischen Arbeiten, so sehr verschieden von den primitiveren Glossar ::: zum Glossareintrag primitiveren Erzeugnissender östlichen und südlichen Volksgebiete, die deutschen, slawischen und rumänischen Erzeugnisse haben trotzder nachgewiesenen kulturhistorischen Zusammenhänge in Einzelheiten der Ornamentik, den gewählten Farben undihren Kombinationen, den Sticharten und deren verschiedener Häufung so viel nationalen Stil entwickelt,daß eine schlechthin kopierende künstlerische Verwertung dieser Arbeiten im Sinne von einfachen Vorlagen aus-geschlossen erscheint. Es ist vielmehr zu hoffen und zu wünschen, daß die fortschaffende Erfindungskraft, durchdiesen quellenden Reichtum gestärkt, hier einsetzt und die gebotenen reichen Anregungen weiterentwickelnd inähnlicher Art wie die Volkskunst selbst schrittweise zu sinn- und geschmackvollen Anwendungen und Weiter-bildungen gelangt. Nur in diesem Sinne, aber mit solcher Beschränkung im reichsten Maße, hoffen wir derheimischen Produktion ein Quellenwerk von vorbildlichem Werte darbieten zu können.
Wien, im Mai 1912.
PROF. DR. M. HABERLANDT.