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Tiroler Volkskunst : bäuerliche Architektur, Wohnräume, Getäfel, Mobilien, Geräte und Erinnerungszeichen
Entstehung
Innsbruck [ca. 1914]
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BIBLIOTHEK DES VEREINESFUR ÖSTERREICHISCHE VOLKSKUR

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Tiroler Volkskunst

Bäuerliche Architektur, Wohnräume, Getäfel, Mobilien, Geräte undErinnerungszeichen.

irol ift ein Hochgebirgsland, deffen abgelegene Talgebieteerft in neuerer Zeit dem alles uniformierenden internatio-nalen Verkehr allgemach erfchloffen werden. Von außen hernur wenig beeinflußt haben fich daher in diefem Lande alteSitten und Gebräuche und eine eigenartige Volkskunft feiner ausverschiedenen Volksstämmen zufammengefetten Bewohner bis indie Gegenwart erhalten.

Unter den volkstümlichen Kunftäußerungen, welche hier inBetracht kommen, verstehen wir einerseits die mit Zierformen aus-gestatteten Erzeugniffe der auch den landwirtschaftlichen Beschäf-tigungen obliegenden Dorfhandwerker und andererfeits folche derbäuerlichen Bevölkerung überhaupt, welche von altersher gerne dieMufeftunden zur Winterszeit benüßte, um entweder felbft allerleiHausrat und landwirtschafliche Geräte zu verfertigen, oder folcheObjekte durch Schnitzwerk oder Malerei zu zieren.

Einflüffe verfchiedener Art wirkten bestimmend auf die tech-nische und künstlerische Qualität folcher Erzeugniffe. Vor allem dieEigenschaften der verfügbaren Rohmaterialien und deren Bearbeitungnach alten Kunstüberlieferungen der bajuvarifchen, romanischen undrätoromanischen Stämme, welche einft diefes Land befiedelten. Hiezukommen Einflüffe gut gefchulter Kunsthandwerker, welche bei Er-bauung und Einrichtung der zahlreichen Burgen und Schlöffer, fowieder Kirchen aus städtischen Gebieten herangezogen wurden und nichtzum Geringften wohl die Einwirkung der großartigen natur diefesBerglandes auf den Kunstfinn feiner Bewohner.

Die liebevolle Hingebung einfacher Naturmenschen für diekünstlerische Durchbildung ihrer Wohnftätten, des Hausrates undder landwirtschaftlichen Geräte, welche in Tirol an folchen Erzeug-niffen aus mehr denn vier Jahrhunderten noch beobachtet werdenkann, erinnert an die alle Gebrauchsgegenstände in ihr Bereichziehende Kunfttätigkeit antiker Kulturvölker. Der ethnographischeWert diefer Schöpfungen kann ebenfowenig unterschätzt werden, alsdie anregende Wirkung, welche ihre teils primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven, teils hochent-wickelten Zierformen und deren Anwendungsart für das modernekunstgewerbliche Schaffen zu bieten vermögen.

Bäuerliche Architektur. Zur Orientierung über den

architektonischen Charakter

der beiden wichtigsten Bauernhaustypen Tirols veranschaulicht die Dar-stellung auf Tafel I die Architektur der im Unterinntale und deffennebentälern verbreiteten älteren Bautype, wobei das vollständig ausBlockwänden errichtete und das im Erdgeschoffe gemauerte, im Ober-und Giebelgeschoffe als Blockbau konstruierte Wohngebäude mit deran drei Hausfronten umlaufenden Galerie[ ,, Laube" oder ,, Sölder") imObergeschoffe und der Veranda( ,, Oberlaube") im Giebelgefchoffe inBetracht kommen. Mit diefer Unterinntaler Type hat jene des Ober-inntaler- Vinftgauer Gebietes das flache, weit vorragende Rotdachgemein. Im übrigen charakterisiert fich die Architektur der Ober-inntaler Bauernhaustype durch vollständig gemauerte Wohngefchoffeund den im Ständerbau errichteten Giebel. Bei diefer im Lande ammeiſten verbreiteten Bauweife( Taf. II) treten Erkerausbauten anStelle der Galerien, worunter der über dem Hauseingange vor-ladende Flurerker am häufigsten angewendet erfcheint.*)

*) Ausführliches über Anlage und Außenarchitektur enthält das Werkdes Verfaffers ,, Das Bauernhaus in Tirol und Vorarlberg"( Verlag v. S. Geigerin Wien).

Wohnräume. Im Wefentlichen ist bei den Talgebieten fichgruppierenden Typen der ländlichen Wohn-bauten Tirols eine faft gleichartige Ausgeftaltung ihrer wichtigstenInnenräume vorherrschend. Nur der schmale, durch die ganze Haus-tiefe von einer Giebelfeite zur anderen fich erstreckende Flur ist beiden Blockbauten des Unterinntaler Gebietes ohne Wandvertäfelungoder anderen künstlerischen Schmuck, dagegen in den bis zum Giebel-gefchof gemauerten Häufern der Oberinntaler- Uinftgauer Type zu-meist überwölbt und in älteren Bauten diefer Art auch von beachtens-werter architektonischer Durchbildung( Taf. III).

In diefem überwölbten und bei gefchloffener Haustüre nurspärlich beleuchteten Hausfluren finden fich felbft bei Bauernhäufernaus dem 18. Jahrhundert noch mittelalterliche Bauformen, wie( pitz-bogige Türgewände und Nathrippen an den Gewölben. Der Flurim Obergeschoffe( Taf. IV) wird hier gewöhnlich durch die Fensterdes über dem Hauseingange ausgebauten Erkers in ausgiebigerWeise erhellt und dient zur Sommerszeit auch als Wohnraum.Sämtliche Hausgemächer find durch die Flurräume unmittelbar zu-gänglich. Im Erdgeschoffe zunächst die an der fonnfeitig gelegenenHausecke fituierte Stube( Taf. V), der Hauptwohnraum und zugleichder einzige heizbare des Haufes, welcher faft überall getäfelt ist.Zwischen den Fenstern in der Eche steht der viereckige Eßtifch, rot-braun oder blau, zuweilen auch mit Blumenornamenten bemalt,umgeben von der Wandbank und geschnitten oder bemalten Stühlen.In der Ecke über dem Tische hängt ein in Holz gefchnittes Kruzifix,in der Regel von einigen mit Oelfarbe auf Glas gemalten und inschmalen Holzrahmen gefaßten Heiligenbildern umgeben. Diefe Eckewird deshalb gemeinhin der ,, Herrgottswinkel" genannt. Die diagonalgegenüberliegende Stubenecke nimmt in Nordtirol der gemauerteOfen ein, welcher mit einer Reihe grün glafierter und halbkugel-förmig vertieften Kacheln( ,, Fauftkacheln") verfehen ist, entwederbienenkorbartig geftaltet( Taf. V) oder mit halbzylindrischen Abschluß( Taf. VIII). In Südtirol ift die lettgenannte Form des Ofens häufigerund diefer entweder nur gemauert oder vollständig als Kachelofenerrichtet.

Ehemals bestanden in Tirol eine größere Anzahl ländlicherTöpfereien, in welchen Kachelöfen mit Reliefverzierungen hergestelltwurden, auch folche mit Majolikamalereien, wie der auf Taf. IXdargestellte Ofen einer Bauernftube zu Fondo im nonsberg( Valdi non), welcher aus einer Töpferei des Dörfchens Sfruz im nons-berg stammt. Ift in diefem Beispiele der Einfluß italienischer Kunst-weife unverkennbar, fo findet sich bei den in einzelnen Bauern-Stuben des Vinftgau noch erhaltenen älteren Majolika- Kachelöfenjener der Deutschen( Taf. X).

Wie häufig alle Wände der Stube, umgibt den Ofen eine Bank,fowie ein hölzernes Gerüfte, das, 6fchall" oder, 6stäng"[ Taf. Vund VIII), welches zum Trocknen von naffen Kleidungsstücken dient.Die oft zierlich profilierten Holzfäulchen des, 6ftäng" tragen überdem Ofen gewöhnlich noch ein Brett mit Polftern, das gleich derBank am Fuße des Ofens im Winter für Bauer und Knecht zurwarmen Ruhestatt dient.

Ueber der Stube befindet sich im Obergeschoffe das Schlaf-zimmer des bäuerlichen Ehepaars( Taf. VI), welches zuweilen durcheine über dem Stubenofen in der Decke angebrachte verfchließbareOeffnung von untenher erwärmt werden kann. Diefes Schlafgemach