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Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aberglaubens : eine ethnologische Studie
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Primitive Glossar ::: zum Glossareintrag Primitive, dem die kausale Verkettung der Dinge nicht klar ist, meint nun, daßder Kot des Menschen eine heilende Kraft besitzt und wendet ihn deshalbtherapeutisch an. Es würde sich deshalb um eine Verkennung natür-licher Erscheinungen handeln. Wenn ich diese Erklärung auch für dieseFälle annehme, so will ich es durchaus nicht für bewiesen erachten, daß nicht zummindesten der Dämonenglaube nebenbei im Spiel ist. Immerhin mag dievon Vierkandt vorgeschlagene Auffassung die primäre gewesen sein.

Preuß¹) zufolge mag im alten Mexiko die von Vierkandt vorgebrachteAuffassung von der zauberhaften Wirkung des Kotes zu Recht bestanden haben.Sie scheint dort übrigens auch für den Urin gegolten zu haben. Da der Kot demKörper warm entströmt, brachte man ihn in Beziehung zur Sonnenwärme undfaßte ihn als Attribut des Sonnengottes auf. Da man in dem Urin nichtswesentlich anderes als Wasser erblickte, so betrachtete man ihn als Symbol desRegens. Aus diesen erwähnten Gründen wurden Kot und Urin anläßlich derVegetationsfeste sogar genossen in der Absicht, Sonnenwärme und Regenherbeizuführen. Diese Auffassung von der Bedeutung des Kotes und des Urins,glaube ich, ist nur in Mexiko und vielleicht bei den umwohnenden Völkern, wieden Pueblos und Navajos, anzutreffen. Es geht darum wohl nicht an, wiePreuß es tut, das Kotessen und Urintrinken bei kirchlichen Festenin Frankreich und England in früheren Jahrhunderten auf diese von Preußfür Mexiko nachgewiesene Auffassung zurückzuführen. Für die meistenVölker der Erde mag wohl eher meine Auffassung in dieser Frage akzep-tabel sein, wonach bei diesen Gebräuchen die Erregung von Grausen beiden Dämonen, die man vertreiben will, bezweckt wird.

3. Fesselung der Dämonen. Anderen Krankheitsheilungen liegtdie Auffassung zugrunde, daß man den Dämon im menschlichen Körper fesseltund dadurch unschädlich macht.

So wird in der Schweiz( St.) die Haut des Aales als Ring gegen Waden-krämpfe gebraucht oder im gleichen Sinne die Haut der Natter. In den Alpen-ländern bedient man sich eiserner Fingerringe gegen atemraubendeKrämpfe( Kf.). Die Slowaken gebrauchen bei Wadenkrämpfen einen Ringaus einem Bindfaden. Nach Bastian wurde, wie uns Andrée 2) berichtet, einstin Birma ein Mädchen mit hysterischen Krämpfen vom Medizinmann ge-treten und es wurden ihm alle Körperöffnungen verstopft, wohl auch eine ArtFesselung des Dämons. Die Fraisketten, nach Kf. in den Alpenländerngegen Fraisen angewendet, dienen aber einem anderen Zwecke. Beim erstenAnblick könnte man meinen, daß es sich hier um dasselbe psychologische Motivhandelt. Aber bei genauerer Erwägung kommen wir zur Überzeugung, daß dieKette nur dazu dienen kann, die vielen an ihr befestigten Anhängsel auf dem Halsedes Kranken zu fixieren. Es gibt ungefähr 77 Abarten der Fraisen und die einzelnenAnhängsel richten sich offenbar gegen die verschiedenen Formen der Krankheit;beispielsweise wendet man die schon erwähnten Schneckenzähne und Maul-wurfskrallen gegen sogenannte Zahnfraisen u. dgl. an. Eine kleine Faustaus Bein schützt, dem Volksglauben zufolge, gegen den bösen Blick, der dasLeiden verursachen kann. Allen Arten der Fraisen ist die Eigenschaft gemeinsam,daß sie unter Krämpfen auftreten. Trotzdem aber werden sie von der wissenschaft-1) K. Th. Preuß, Der Ursprung der Religion und Kunst. Globus 1904, II. Defäkation2) Richard Andrée, Ethnographische Parallelen. N. F. Leipzig 1889. S. 3.