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Versuch einer Psychologie der Volksmedizin und des Aberglaubens : eine ethnologische Studie
Entstehung
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der Maulwurf in die Erde gräbt, so möge sich der Zahn ins Zahnfleisch bohren undherauskommen." Die übrige Verwendung der Tiere, beispielsweise bei Zahnschmerzen,dürfte wieder dem Gesetze der Verallgemeinerung unterliegen.

Hühneraugen werden nach St. im Kanton Zürich durch Rhizomapolygonatum multiflorum geheilt, indem man es in der Tasche trägt. Diesist ein typisches Beispiel für eine Ideen- Assoziation. Die Narben an derWurzel der Pflanze haben nämlich eine Ähnlichkeit mit Hühneraugen, und sokam man darauf, die Pflanze gegen dieses Leiden zu verwenden. Der Erfolgdes Verfahrens mag ein eingeredeter, auf Autosuggestion beruhender sein.

Durch Bartels ¹) wissen wir, daß nahezu bei allen Völkern, besondersbei primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag  primitiven, viele Krankheiten auf Dämonen zurückgeführt werden. Essind dies besonders die mit Zuckungen, Angstgefühlen und Krämpfenverbundenen, also vorwiegend nervöse Leiden. Dies gilt übrigens, wie Höfler²)gezeigt hat, auch für das deutsche Volk. Nur so können wir verschiedene Ver-fahren erklären, die durch ihre Einwirkung auf diese bösen Geister zu deuten sind.Hier haben wir es also mit religiösen Beziehungen zu tun:

1. Erschrecken der Dämonen. In Deutschland wird das Bettnässen( Kf.) dadurch kuriert, daß man dem Patienten Ratten in einem Kuchen gebackenoder Kellerasseln oder selbst Mausfleisch in der gleichen Weise zu essengibt. Es geschieht dies ohne Wissen des Kranken, der sich sonst weigern würde,die unappetitliche Speise zu verzehren. Aber der Dämon soll wohl so erschrecktund zum Verlassen des Körpers bewogen werden.

2. Erregung des Grausens bei den Dämonen. Gegen Trunksuchtwird in der Schweiz( St.) dem Trinker Wein gegeben, der früher durch einenTotenschädel durchgegossen worden ist. Ähnlich ist es, wenn nach Kf. dieRumänen in der Bukowina und die Ruthenen dem Patienten Branntweinzu trinken geben, in dem längere Zeit ein Goldstück gelegen ist, das vorher indem Mund eines Toten war.

Der deutsche Volksglaube schreibt überhaupt nach E. H. Meyer 3) allerleiSubstanzen, welche mit einem Toten in Berührung waren, eine heilende Wirkungzu, u. a. besonders den Sargnägeln. Die Zauberkraft, die der Leiche daimputiert wird, hängt wohl mit dem Seelen- und Dämonenglauben zusammen. Eshandelt sich da sicherlich um religiöse Beziehungen.

Besonders die Krankheitsheilungen durch unappetitliche Mittel müssenwir uns durch das erwähnte Moment des Grausens erklären; so will man bei denverschiedensten Völkern( Kf.) Halsweh durch Gurgeln mit dem Kot der Pferde,durch Pferdemistumschläge und Kuhmist, Tuberkulose durch Einnehmenvon Kuh-, Pferde- oder Taubenkot, Epilepsie durch Ochsen- oderPferdemist und Alpdrücken durch ähnliche Mittel heilen. Die Zahl der Bei-spiele ließe sich ins unendliche vermehren, doch würden sie alle nur dieselbeSprache reden.

Nach Vierkandt) wäre die Anwendung solcher Mittel so zu deuten, daßsie aus der Naturbeobachtung resultiert. Man bemerkt nämlich bei vielen Krank-heiten, daß im Falle der Defäkation eine Erleichterung auftritt.

1) Dr. Max Bartels, Die Medizin der Naturvölker Glossar ::: zum Glossareintrag  Naturvölker. Leipzig 1893. S. 11, 12 ff.

Der

2) Höfler, Krankheitsdämonen, bespr. von M. Haberlandt i. d. Zeitschr. f. öst. Volksk., 1899/ II.3) E. H. Meyer, Deutsche Volkskunde. Straßburg 1898. S. 265.

4) Vierkandt, 1. c.