darum bekümmern wollte; alle solcheSachen heißen in Wien ,, krowotisch"und waren damit von vornehereinabgetan. Die Förderungsaktion fürdie Volkskunst hatte mit diesem ein-heimischen Vorurteil vielleicht amallerschwersten zu kämpfen, bis manendlich die Augen aufzutun beginntund die Herrlichkeit sieht. Die Mannigfaltigkeit der Dalmatiner Arbeitenbringt selbst der jahrelang geübtenForschung bei jedem Schritt in neuesGebiet ungeahnte Überraschungen.Gewiß liegt da und dort noch vielUnerschlossenes, das nur eine systematische Sammlungsaktion durchdie Lehrerschaft an den Tag bringenkönnte. Anderseits mag in den Ufer-und Inseldistrikten, wo die Volks-trachten ganz verschwunden sind, nochvieles Schöne vorhanden gewesen sein,dessen dalmatinischer Ursprung sichheute nicht mehr konstatieren läßt,obschon wir die Objekte selbst anders-wo schon oft gesehen haben, wie etwain dem Lipperheideschen Blatte undin auswärtigen Museen.
Buntstickerei auf Tuch.
Diese zweite große Gruppe
der Volksstickerei scheidet sich in
( N. Bruck- Auffenberg.)Vom Kirchenfest im Kloster Krka:
Die schöne Frau Angiolina von St. Archangelo.
Flach- und Zierstickereien, in Ketten-sticharbeiten, denen meistens eineMosaik aus farbigen Tuchstücken zu-grunde gelegt ist, und in ganz dekora
tiv ausgeführte Stickereien mit Metall-flittern oder gar Knöpfen, Ketten undMuscheln, oft ins rein Ethnographi-sche hinüberreichend, häufig aberwie die famosen Muschelgürtel( kanica)von Verlika( Tafel 38) von einerimposant künstlerischen Verwendungdes etwas zentral- afrikanischen Ma-terials. Die buntseidenen Stickereienfür Männerjacken, die am schönstenund reichsten in Obbrovazzo getragenwerden und über die ganze Bukovicaund Kotari hinüber ausklingen, werden höchst frei komponiert. Ohnejede Vorzeichnung und doch mitdenkbarster Gleichmäßigkeit, direktin das fertige Kleidungsstück einge-arbeitet, von erwerbsmäßig einge-übten Stickerinnen, die sich in denOrtschaften finden und die Traditionder Volkskunst im Lande repräsentieren. Bei der Frage nach Arbeitenwird in jedem Dorfe sofort die ,, Be-ste" herbeigebracht, und wenn sieden Rücken wendet, werden sichnoch ein oder zwei Konkurrentin-nen schüchtern melden. Viele dieserFrauen stehen in fixen Lieferungs-
verhältnissen zu den Krämern, die fertige Bauernkleidung führen. Männerkleidung; denn was die Frau trägt, macht sie sichselbst, vom Spinnen, Färben und Weben der„ Raša", des lodenartigen, vortrefflichen Nationalstoffes angefangen. Diese Stickerinnen also arbeiten mit wahrhaft fliegender Nadel ihre Muster, schleuderisch oder sorgfältig, grob oder fein, Unika oderDutzendware, je nachdem die Kundschaft zahlt; sie verwenden nach Abmachung feinste, echte Seide, Halbseide oder Imitationaus merzerisierten Garnen, wohl gar nur gemeines buntes Strickgarn. Immer aber sitzen alle Stiche tadellos am rechtenPunkt, folgen von selbst den Schnittweisen und Größenverhältnissen. Sehr häufig erweisen sich die Stickereien der Jackenals ein Mittel, älteren Kleidern neuen Glanz zu verleihen. Die Leute kaufen sich strahlend neue Kleider ohne Stickerei; dieFeinheit des Tuches, der Glanz der Farbe wirken anfangs genug. Kommen dann später Flecken hinein oder gar Mottenlöcher,so bekommt die Stickerin die Aufgabe, mit aller Hochachtung vor dem hergebrachten Ornament die Mängel zuzustopfen. Diesist ein bisher ganz unbekannter Umstand, welcher der Verfasserin durch die treffliche Stickerin Tona Sostera in Scar-dona zur Kenntnis kam: die ganze Männerkleider deckende Stickerei ist sehr oft nur eine ornamentale Flickarbeit! Daherihre Mannigfaltigkeit. Die Stickerin setzt zuerst über die größten Löcher in vollem, deckendem Plattstich große Blumen, Pal-metten oder Vögel. Darauf stickt sie auf der genau gegenüberliegenden Stelle des Rückens, Ärmels oder Brustteiles im Spiegel-bilde dasselbe Ornament. Dann kommt ebenso der zweitgrößte Schaden an die Reihe, wobei sie aber schon künstlerisch zukomponieren beginnt; und so weiter, bis alle Löcher überstickt sind. Dann setzt sie das fehlende an dichten Stickereistellendazwischen und verbindet das ganze mit einem leichten, spielenden Geranke von Stielen, Schnörkeln und Blätterzweigen inStil, Ketten- und Schnurstichen. Auch verstreute oder dichtgesetzte Knötchen- und Wickelstiche werden angewendet, und schlieẞ-lich stellt das ganze ein in tadellosem Stil der Gegend gehaltenes, wohlkomponiertes Kunstwerk dar, das die Männer wunder-voll und imponierend kleidet. Für das Empfinden der Verfasserin ist dieser dort ganz alltägliche Vorgang die stärkste Probevolkstümlichen Könnens. Die auf goldbordiertem Scharlachtuch buntgestickten Männerkostüme von Obbrovazzo sind bei demHuldigungsfestzuge der Nationalitäten zum Kaiserjubiläum allgemein als die schönste österreichische Männertracht bezeichnetworden, und die Leute darum an der Spitze des Zuges gegangen.( Seite 16, 58.)
Die famosen morlakischen Westenstickereien Seite 47 zeigen als Hauptschmuck beiderseitig eine ornamentale Knopfloch-verzierung, die als breite, reiche Bordüre wirkt, während die runden Durchstecklöcher zur Befestigung der silbernen Ketten-knöpfe( Tafel 63), von denen vier bis fünf auf jeder Brustseite hängen, eine rosettenförmige Stickereiumrahmung tragen, wasals zweite Ornamentreihe ausgezeichnet aussieht. Das ganze ist trotz der leichten Stickerei in offenen Zierstichen( eine derältesten und primitivsten Glossar ::: zum Glossareintrag primitivsten Sticktechniken) von großartig ornamentaler Wirkung und Raumverteilungskunst. Das hervorragendstein dieser Hinsicht, wenn auch die einfachste alte Technik, sind die weißgestickten Männerwesten aus dunkelblauer„ raša", dieman zwischen Sebenico, Scardona und Knin trägt, die schönsten Muster in Rupe. Vor der ersten Wäsche ist der wolleneStickfaden hellblau, zum Zeichen der Neuheit. Ursprünglich war das die Tracht der katholischen Gemeinden; die Griechen
45