Der so deutlich dargetane Wunsch, das junge Paar möge fruchtbarsein, tut sich dann ganz deutlich auf den Hochzeitstischtüchernkund, die vor den Fenstern aufgespannt sind. Es sind drei Stück ausKärnten, zwei vermutlich protestantischer- beziehungsweise krypto-protestantischer- Tradition, in der Formgebung der Renaissance, undeines katholischer Herkunft. Die beiden ersteren weisen im Kreuzstichauf dem Leinen Sternmuster auf, neben denen bei näherer BetrachtungFiguren beziehungsweise Paare zu sehen sind. Und sowohl das vielleichtältere, nur rot ausgestickte, wie das etwas jüngere, blau und braunrotgestickte Tischtuch zeigen bei den Paaren den Mann jeweils in der Trachtum 1600, mit plodernden Hosen und kurzen Jacken, und die Frauen mitSchürzen vor den langen Röcken. Und die einen Frauendarstellungenhaben dann auf der Schürze immer einen deutlich erkennbaren Sproẞaufgestickt, und die anderen ein Kind. Es läßt sich schwer sagen, ob dieeine Darstellung die Frau noch als Braut und Jungfrau Glossar ::: zum Glossareintrag Jungfrau, die andere schonals Frau und Mutter oder als werdende Mutter meint, das heißt, ob dasKind nur allgemein angedeutet oder doch im Mutterleib dargestellt seinsoll22). Jedenfalls haben sich diese sehr seltenen Stickereien offenbar imLauf der Gegenreformation ganz verloren, an ihre Stelle sind Hochzeits-tischtücher, wie das hier gezeigte dritte, getreten, das in RotstickereiPflanzensprosse und in der Mitte das IHS des Namens Jesu zeigt²³).
Diese betont katholischen Motive finden sich auch bei anderenGegenständen der Hochzeitsvolkskunst aufgenommen. Bezeichnend sinddie Brautschaffeln", denen eine ganze große Vitrine eingeräumtist24). Diese„ Schaffeln" kommen in zwei verschiedenen Gestaltgruppenvor, nämlich in kleineren, aber höher gebauten, die ungefähr der Größeeines Säschaffes entsprechen, und größeren, aber niedrigeren, welcheals Gegenstücke zu den almerischen„ Brenten" anzusprechen sind. DerVerzierung nach teilen sich die Brautschaffeln aber anders: Die einen,vor allem in Oberösterreich und Salzburg üblichen, sind Blankholz-gebinde, die Brandverzierung aufweisen. Die schönen Stücke aus derGegend westlich von Wels beispielsweise tragen auf dem Deckel ein-gebrannt die Darstellung eines bäuerlichen Paares25). Die bemalten Schaf-feln stammen dagegen fast durchwegs aus dem Unterinntal und demZillertal sowie dem angrenzenden Oberbayern, also Zentren der altenMöbelmalerei, und sie sind auch in deren Šinn vor allem mit religiösenMotiven bemalt. In diesen Schaffeln wurde bei der Hochzeit ostentativder Hauptteil des" Watsum", der Ausstattung, mitgetragen²).
22) Erich Meyer- Heisig, Nadelwerk, Weberei und Zeugdruck.München 1955. Abb. 39. Leopold Schmidt, Volkskunst in Öster-reich. Wien 1966. S. 151.
23) Zur Farbgebung des blau- rot bestickten Hochzeitstischtuches vgl.Adolf Mais, Kontakterscheinungen in der Farbgebung der Volkskunst( Actes du IVe Congrès International des Sciences Anthropologiques etEthnologiques. Vienne 1952[ erschienen 1956], Bd. III, S. 119 ff.).
24) Arthur Haberlandt, Taschenwörterbuch der VolkskundeÖsterreichs. Bd. II, Wien 1959. S. 28 f.
25) Franz Lipp, Figurale Brautschaffel aus Oberösterreich. Zu einerNeuerwerbung des Oberösterreichischen Landesmuseums( Jahrbuch desOberösterreichischen Musealvereines, III. Bd., Linz 1966, S. 343 ff.).
26) Arthur Haberlandt, Taschenwörterbuch der VolkskundeÖsterreichs( I. Bd.), Wien 1953. S. 68.
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