Druckschrift 
Gesammelt um jeden Preis! : warum Objekte durch den Nationalsozialismus ins Museum kamen und wie wir damit umgehen
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen
 

Restitutionen aus dem Volkskundemuseum Wien bis 2015

Nach 1945 fehlte es bis in die 1990er Jahre hinein auch im Volkskun-demuseum Wien an Unrechtsbewusstsein: Die Objekte, die durchdie Verfolgung von Menschen während der NS- Zeit ins Museum ge-kommen waren, wurden als gewöhnliche Museumsobjekte behandelt.Die Ansicht war, dass die Dinge hier besser aufgehoben wären alsin Privatwohnungen. Außerdem wären die ursprünglichen Eigentü-mer* innen sogar dafür dankbar gewesen, dass ein Museum undnicht der Antiquitätenhandel ihr Eigentum übernommen hatte. Ver-folgung und Flucht galten nicht als Zwangssituation, in der gar keineandere Wahl bleibt, als Dinge abzugeben oder- meist unter Wert-zu verkaufen. Enteignungen und Beraubungen wurden nicht alssolche wahrgenommen. Das entsprach der allgemeinen öffentlichenMeinung in Österreich lange Zeit.

Um entzogene Objekte nach Vorgaben der ab 1946 beschlosse-nen Rückstellungsgesetze zurückzuerhalten, war es notwendig, derengenauen Verbleib zu kennen. Auf der anderen Seite waren Museenund Sammlungen laut einer Verordnung verpflichtet, eine Vermögens-entziehungsanmeldung bei der Bezirksbehörde durchzuführen. ImNovember 1946 gab Heinrich Jungwirth, der damalige Direktor desVolkskundemuseum Wien, an, dass sich entzogene Gegenständevon sechs Personen im Museum befänden. Tatsächlich waren esweit mehr. Auch Wert und Umfang der betroffenen Objekte warenunvollständig und fehlerhaft angeführt. Bis 1951 wurden 18 Objektezurückgegeben. Sechs weitere Objekte von Albert Pollak( 1878-1943),die restituiert wurden, mussten dessen Erb* innen dem Museumals Gegenleistung für eine Ausfuhrgenehmigung wieder überlassen.Aufgrund von Beschlüssen des Vereins für Volkskunde, demRechtsträger des Museums, folgten ab 1998 weitere Rückgaben.Bis zum Jahr 2015 gab das Volkskundemuseum insgesamt 24 Objektezurück. Ein 25. Objekt, das restituiert werden hätte sollen, nämlich einKrug, ist bis heute nicht auffindbar. KP

72