Kathrin Pallestrang
Leuchtende Stickereien und zarte SpitzeEmilie Flöge und ihre Sammlung
Emilie Flöge( 1874-1952), die gemeinhin als Muse oder alsLebensgefährtin- i- in jüngster Zeit auch als Lebensmensch- GustavKlimts bezeichnet wird, hat im Laufe ihres Lebens eine Sammlungvon textiler Volkskunst angelegt, die sie in ihrem Modesalon ineiner Vitrine des eleganten Empfangsraums präsentierte. 369 Stückihrer Sammlung bewahrt heute das Österreichische Museum fürVolkskunde auf. Es handelt sich einerseits um textile Fragmentemit Stickereien in leuchtenden Farben oder in Schwarz- Weiß,vornehmlich aus der Westslowakei und der Mährischen Slowakei,und andererseits um Spitzen, und zwar hauptsächlich Klöppel-spitzen, Weiẞstickerei und Tüllstickerei, wie sie nicht nur bei derländlichen Bevölkerung, sondern ganz allgemein im 19. und frühen20. Jahrhundert auch in bürgerlichen Kreisen in Verwendung waren.Daneben gehören einige Kopfbedeckungen und wenige andereKleidungsstücke zur Sammlung. Außerdem befinden sich im Volks-kundemuseum ein paar Objekte im Jugendstil, die vermutlich vonEmilie Flöge selbst entworfen oder von ihr verwendet wurden. Vongrößerem Interesse als diese sind jedoch aus einem kulturwissen-schaftlichen Blickwinkel die Beispiele der textilen Volks- und Hand-werkskunst ihrer Sammlung. Wie kam nun Emilie Flöge dazu, dieseSammlung anzulegen und was hat sie mit ihr bezweckt?
Im Jahr 1874 wurde Emilie Louise Flöge in Wien in kleinbür-gerlichen Verhältnissen geboren. Ihr Vater, ein Drechslermeister undMeerschaumpfeifenfabrikant, war geschäftlich sehr erfolgreich undexportierte bis nach England. Emilies ältere Schwester Helene heira-tete 1891 Gustav Klimts Bruder Ernst'. In der Folge verband EmilieFlöge und Gustav Klimt eine tiefe und innige Beziehung, über die bisheute viel spekuliert wird. Ob die beiden nun ein Liebespaar warenund ob ihre Beziehung auch sexuell gelebt wurde, lässt sich heute
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