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Papageno backstage : Perspektiven auf Vögel und Menschen ; [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 20. Mai bis 29. Oktober 2006]
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Vogelfang und Erotik

Viele Redewendungen und Begriffe in unsererAlltagssprache zeugen heute noch davon, wiesehr die verschiedenen Fangmethoden einst-mals im Bewusstsein der Menschen verankertwaren: jemanden die Flügel stutzen, auf denLeim oder ins Netz gehen, einen Lockvogel be-nutzen, im goldenen Käfig sitzen, vogelfrei sein.Auch in die Erotik fand die VogelmethaphorikEingang. Hier steht der Vogelfang für Liebes-spiel und-vereinigung.

Wie singt doch Papageno:

,, Ein Netz für Mädchen möchte ich,Ich fing' sie dutzendweis für mich!Dann sperrte ich sie bei mir ein,Und alle Mädchen wären mein."

Oswald von Wolkenstein fühlt sich den Lockun-gen des weiblichen Geschlechts erlegen, wenner sagt: frau, deine dreuch(= Schlinge) undnetz/ haben mich umbvangen und vergärnetganz". Wie er uns in seinem Lied Ain jetterin"aus dem Jahr 1418 erzählt, nützte der Minne-sänger die Gelegenheit beim Vogelfang zueinem amourösen Abenteuer.

Die Pointe dieses Liedes liegt im zweifachen"Vogelfang, einmal in dem von Amseln undDrosseln und in dem der jetterin", einemschönen Landmädchen, wobei es dem Dichterdarauf ankommt, die erotische Doppeldeutig-keit sprachlich auszuschöpfen:

Ain jetterin, junck, frisch, frei, früt,auf sticklem berg in wilder höch,die geit mir freud und hohen mütdort umb die Zeit, wenn sich die löchmit grünem loub verreuhen.

So wart ich ir recht als ein fuxsin ainem hag mit stiller laws,

gugg auss der stauden, smeug dich, luxs!bis das ich dir die preun ermauss,auf allen vieren kreuhen

an als verscheuhen. Repeticio

Ir rotter mund von adels grundist rain versüsst gar zuckerlich;füsslin klaine, weiss ir baine,brüstlin herte; wort, geferteverget sich biergisch, waidelich.

Der amsel tün ich ungemachund manger droschel ausserweltze öbrist auf dem Lenepachmit ainem Kloben, der sie fellt,wenn ich das schnürlin zuckeIn einer hütten, wolgedecktmit rauhen esten, lustlich grün;leicht kompt zu mir, die mich erwecktmit ganzen freuden trostlich kün,gesloffen durch die lucke

schon mit getucke. Repeticio ut supra

Wenn ich das voglen zu geschöck,und aller zeug beinander ist,so hört man zwar ain süss gelöckdurch gross gesneud in kurzer frist.des möchte die schön gelachen,Das si mir all mein kunst abstilt,was ich zu voglen han gelert;von irem kloben mich bevilt,des gümpels er zu dick begert.das macht die hütten krachenvon solchen sachen. Repeticio"

Zitiert nach der Ausgabe von K.K. Klein( Hg.):Die Lieder Oswalds von Wolkenstein(= altdeutsche Studienbibliothek Nr. 55),

2. Aufl., Tübingen 1975, 214-215

Lit.: Norbert Mayr: Das VogelfängerliedOswalds von Wolkenstein. In: Der Schlern, 56,1982, 35-40