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Papageno backstage : Perspektiven auf Vögel und Menschen ; [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 20. Mai bis 29. Oktober 2006]
Entstehung
Seite
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Singvogelfang

und

Singvogelhaltung

Keine Frage, dass wir Menschen in unserer Evo-lution als Jäger und Sammler Tiere aller Art undGröße gejagt und gefangen haben, sowohl umsie zu töten und zu verzehren, aber auch um siezu halten und um uns an ihnen zu erfreuen.Schon früh wechselte man beim Singvogelfangvom Verzehr zur Liebhaberei, zur Freude an Far-be und Gesang und erfreute sich auch an derspannenden Geschicklichkeitsübung des Fanges.Auf diesem Wege ist ja auch aus dem wildenKanarienvogel die domestizierte Form gezüchtetworden, die heute als Gesangskanarien" oder,, Farbkanarien", aber auch als Positurkanarien"mit verrückten Körperformen und Gefiederano-malien als Heimtiere gehalten werden. Inter-esse, Tierliebe und Begeisterung stehen beimSingvogelfang sicher im Vordergrund und dochmüssen heute die begründeten Tierschutzge-setze beachtet werden, die der modernen Ein-stellung zum Tier entsprechen. Schon in den ver-gangenen Jahren sind die Vogelliebhaber auchim Salzkammergut dazu übergegangen, ihre imHerbst gefangenen Wildvögel nicht mehr wäh-rend des ganzen Winters in winzig kleinen Kä-figen zu halten, sondern diesen Tieren gut ein-gerichtete große Flugkäfige, Volieren, zu bieten.

Dies entspricht, wenn auch etwas bescheidener,den Grundsätzen einer modernen Zootierhal-tung und ist mit dem Bundeseinheitlichen Tier-schutzgesetz jedenfalls vereinbar.

Der wahre Konflikt entzündet sich bei den Aus-stellungen und Wettbewerben für diese Wildvö-gel. Zu diesem Zweck werden die Vögel für ei-nige Tage wiederum in die winzig kleinen Käfigegesteckt und in Veranstaltungszentren gebracht,wo Preisrichter die Schönheit dieser Wildtierebeurteilen sollen. Aus der Sicht des Tierschutzesmacht es eben einen Unterschied, ob ich füreine solche Ausstellung domestizierte Tiere wieKanarienvögel oder Wellensittiche, die seit un-zähligen Generationen bereits in menschlicherPflege gehalten und gezüchtet werden, die vonklein auf an Käfige gewöhnt werden, ob alsodiese Tiere ausgestellt werden, oder aber Tiere,die bis vor wenigen Wochen als erwachseneVögel auf den großen Lebensraum der freienNatur geprägt waren und nun jedoch für mehre-re Tage ohne Flucht- und Versteckmöglichkeit ingrellen Veranstaltungsräumen, unter der Augen-höhe des Menschen, betrachtet werden sollen.Diese Vorgangsweise ist im aktuellen Tierschutz-gesetz nicht gestattet.

Helmut Pechlaner