Der
Vogelfänger
als
Bühnenfigur Papageno
Papagenos Metamorphosen
Ulrike Dembski
1 Vgl. dazu Programmheft zur Inszenie-rung Die Zauberflöte Premiere am 11.September 1982 im Stadttheater Kassel,Inszenierung: Peter Mussbach, Bühnen-bild: Johannes Schütz.
Ein kleines, ältliches Männchen in abgenutztenKleidern, ein Obdachloser, dem das Leben übelmitgespielt hat, der weder Zukunft noch Ver-gangenheit kennt, tritt auf die Bühne und singtvoll Verzweiflung seine lustigen Lieder über dasausbleibende Liebesglück, das er so sehr ersehnt.Er klagt die Welt Sarastros an, Schuld an seinemUnglück zu haben. Er singt und spielt in einerdüsteren Gegend zur Selbstermunterung undAblenkung vor der drohenden Prüfung, die übersein Lebensglück entscheiden soll. Dieser Papa-geno ist fern von tollpatschiger Kasperlekomikund wienerischem Schmäh. Seine Lieder klin-gen wie Anklagen gegen Sarastro und dessengeheimnisvolle Bruderschaft der Eingeweihten.In dieser Inszenierung von Wolfgang AmadeusMozarts letztem dramatischen Musikwerk DieZauberflöte streift Papageno alle tradierten Dar-stellungsformen ab. Er schlüpft in das Gewandeines Außenseiters, der nirgendwo angenom-men wird, Unmenschliches erdulden muss undso am Ende der Oper glaubhaft machen kann,dieser Welt den Rücken kehren und sich aufhän-gen zu wollen.1
Seit der Uraufführung der Zauberflöte am30. September 1791 im Starhembergschen Frei-haustheater auf der Wieden in Wien wurde die-
se Oper immer wieder neu interpretiert und die 29Vielschichtigkeit dieses Werkes in faszinierenderWeise offenbar. Generationen von Künstlern undLaien hat diese Oper wie keine andere zu unter-schiedlichsten Sinngebungen und Deutungenherausgefordert. Bis heute bleibt sie für viele einrätselhaftes Geheimnis. Neueste Forschungengehen davon aus, dass ein wesentlicher Teil derZauberflöte- Handlung alt- ägyptische Initiati-onsriten des Isis und Osiris Kultes wiedergibt.,, Die Tiefe und Komplexität der Oper erreichenMozart und Schikaneder, indem sie in den Ritual-ablauf der Initiation, der[...] den Grundstrang derOpernhandlung bildet, zwei weitere Handlungs-stränge einflechten: den zum Liebesroman ausge-stalteten Orpheusmythos mit seinen Trennungenund Wiederbegegnungen und das aus dem Volks-theater stammende Prinzip der komischen Spie-gelung zwischen den Schicksalen eines hohen undeines niedrigen Paars. Die Mysterienhandlung bil-det den Rahmen, in die die beiden anderen Hand-lungen eingefügt sind. So ergibt sich eine Einheitin der Vielheit, die das Wesen jeden großen Kunst-werks ausmacht[...] In der Vielschichtigkeit ihrerHandlungsstränge und der Vielsprachigkeit ihrerMusik hat sie weder Vorgänger noch Nachfolger[...]."( Assmann 2005, S. 299)