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Papageno backstage : Perspektiven auf Vögel und Menschen ; [Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 20. Mai bis 29. Oktober 2006]
Entstehung
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Polen der Verachtung und der Anbetung. Hiewuchs die Bereitschaft zur grenzenlosen Unter-werfung und Bemächtigung der Natur mithilfevon Wissenschaft und Technik. Auf der anderenSeite steigerte sich ein bürgerlicher Naturkult, inder unverfälschte und ursprüngliche Natur ver-götzt werden konnte- als ästhetische Lust ander Landschaft, als sinnliche Erfahrung des Un-zivilisierten oder eben aber als innigliche Liebezur Kreatur.14 Entzauberung und Wiederverzau-berung der Natur gingen dabei Hand in Hand.Tierschutzvereine und Schlachthäuser sind zweiSeiten von ein und derselben Medaille- einerModerne, die durch und durch paradoxe Be-ziehungsmöglichkeiten des Menschen mit derNatur vereinbaren kann.

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Der Siegeszug der kulinarischen MoralVögel haben dabei Wanderungen vollzogen, die- abgesehen vom Jagdwild und den explizitenNutztieren tendenziell materielle Nutzungs-möglichkeiten erschwert haben und emotionaleBeziehungen gefördert haben. Verschwunde-ne Gäste der Speisekarte" heißt ein schönesBüchlein von Bernhard Kathan über vergessenekulinarische Köstlichkeiten, und darin wird ein-drücklich dokumentiert, welch eigentümlicheWanderungen manche Vögel aus den Bratpfan-nen mitten in die Herzen der Menschen un-ternommen haben. 15 Bei vielen Vogelarten, dieeinst ein ganz selbstverständliches Nahrungs-mittel darstellten, wäre ihr Verzehr heute min-destens anstößig, wenn nicht schlechterdingsunvorstellbar. Früher gab es köstliche Rezeptehierfür:, Crammetsvögel en Poupiton" oder,, Crammetsvögel à la Rasauvienne"( das sindWacholderdrosseln und andere Drosselarten),die Thüringer Meisensuppe", Lerche in Aspikoder Lerche an Äpfeln und Korinthen warenganz selbstverständliche Speisen, auch wennunser kulinarisches Gedächtnis dies meist ver-gessen und verdrängt hat.

Das Essen der Vögel war bis um 1800 allüberallin Europa völlig normal. Aus einer kulturellen

Selbstverständlichkeit wurde freilich über dieJahrhunderte eine höchst fragwürdige, für vielegar anstößige und frevelhafte Angelegenheit.Was einst köstlich mundete, das schmeckt heu-te ganz einfach nicht mehr, denn eine kulina-rische Moral verwandelte die Singvögel in einunmögliches Essen. Singvögel wurden peu à peutabu. Tabus sind Wegweiser der sozialen Orien-tierung und regulieren menschliches Verhalten.Sie markieren kulturelle Normen in diesemFall Normen für den Umgang mit Natur, ins-besondere mit Vögeln. Somit konnte der Ver-zehr von Singvogelfleisch nun zum moralischenSkandal werden. Innerhalb weniger Jahrzehnteging im 19. und 20. Jahrhundert jeglicher Ge-schmackssinn für gebratene Lerchen, Meisenoder Finken verloren, ja jeglicher kulturelleCode, Singvögel als eine angemessene Nah-rungsquelle zu identifizieren. Ihr Verzehr wur-de statt dessen mit Ekel und Abscheu besetzt;die Unmöglichkeit, sie als Nahrung zu nutzen,wurde tief in den Magensäften moderner mit-teleuropäischer Menschen verankert. Der mora-lische Gewinn des Verzichts schien nun offenbarhöher als der materielle Ertrag ihres Verzehrs.Insbesondere der Vogelfang in Italien wurdeskandalisiert, wobei die Vögel als Objekte derJagd eine Vermenschlichung erfuhren, wenn vonwiderwärtigen Massenmorden, 16 von Vernich-tungskrieg 17 oder von blutdurstigen ungebil-deten Italienern 18 die Rede war. In Deutschlandund Österreich bekämpfte die Vogelschutzbewe-gung den Vogelfang mit allen ihr zur Verfügungstehenden Mitteln. Die Frage, wer ein guter undwer ein böser Mensch und überhaupt welcheeine barbarische Glossar ::: zum Glossareintrag  barbarische oder eine zivilisierte Nationsei, konnte aus Sicht der Vogelschützer seit dem19. Jahrhundert auch am Umgang mit Vögelnentschieden werden. Die Fragen der nationalenund kulturellen Differenzen wurde um 1900vehement auf dem Rücken der Vögel ausgetra-gen, nicht nur von Ludwig Reinhardt in seinerKulturgeschichte der Nutztiere: Heute schämenwir feinfühlig gewordenen Kulturmenschen unssolcher Rohheit und lassen die durch Insekten-

14 Vgl. Orvar Löfgren: Natur, Tiere, Moral.Zur Entwicklung der bürgerlichen Natur-auffassung. In: Utz Jeggle, Gottfried Korff,Martin Scharfe, Bernd Jürgen Warneken( Hrsg.): Volkskultur in der Moderne.Probleme und Perspektiven empirischerKulturforschung, Reinbek bei Hamburg1986, S. 122-144.

15 Bernhard Kathan: Verschwundene und sel-tene Gäste der Speisekarte. Ein Kochbuch,Innsbruck 1992.

16 Heinrich Gätke: Die Vogelwarte. Hg. vonRudolf Blasius. Zweite Aufl., Braunschweig1900, S. 379.

17 Christian Ludwig Brehm: VollständigerVogelfang, Weimar 1855, S. 49.

18 Alfred E. Brehm: Das Leben der Vögel,dargestellt für Haus und Familie, Glogau1861, S. 419.