Von Menschenund
Eine merkwürdige Beziehungsgeschichte
Vögeln
Friedemann Schmoll
Das Reich der Natur ist eine Sache, die Sphäreder menschlichen Kultur eine andere. Vögel be-völkern nicht nur Natur und Landschaft, wo siesich instinktsicher vorgefundenen ökologischenGegebenheiten anpassen. Mal suchen sie da-bei fremdelnde Distanz zu den Menschen wiedie anspruchsvollen Großtrappen oder die tag-scheuen Eulen, mal verwandeln sie als findigeKulturfolger wie die Amseln und die frechenSpatzen die menschliche Zivilisation kurzerhandals zweite Natur in ihr Zuhause. Der Strauß istder größte Vogel; stattliche 150 Kilo bringt erauf die Waage und vermag seinen Schnabel bisin eine Höhe von zweieinhalb Metern zu recken.Winzlinge dagegen sind die Kolibris mit weni-gen Zentimetern Länge und einem Lebendge-wicht von zwei, drei Gramm. Mehr nicht- dafürsind sie virtuose Flugakrobaten, während ihremriesigen Verwandten aus Afrika das verwehrtbleibt, was Vögel ansonsten so einzigartig macht- die Kunst des Fliegens. Rund 8600 Vogelartenbesiedeln heute die Erde, und zu Zeiten, daWissenschaftler auch die entlegensten Erden-winkel ausgeheimnisst haben, dürfte es außer-ordentlich unwahrscheinlich sein, daß nochirgendeine Spezies dem forschenden Auge ver-borgen blieb.
Die kulturellen Lebensräume der VögelVögel sind indes auch Einwohner der Kultur- und zwar in allerlei Hinsicht: Sie bevölkern dasReich der menschlichen Imagination, die Weltder Märchen und Sagen und als soziale Vor- oderSchreckbilder unseren Wertehimmel. Sie besie-delten die Kultur aber auch in ganz handfest-materiellem Sinne- jahrhundertelang fandensie sich gebraten, gesotten oder geschmort inKüchen und Kochtöpfen wieder, wie die Kram-metsvögel, Lerchen, Finken und Meisen. Vögelsterben nicht nur in der Natur aus( 128 Artensollen es seit dem Jahre 1500 weltweit sein),auch in den Lebensräumen der Kultur sind einer-seits Rückgang, auf der anderen Seite aber auchZuwächse zu verzeichnen. Als Nahrungsmitteletwa starben die meist kleinen Singvögel zu-mindest nördlich der Alpen fast vollständig aus.Just zu der Zeit, als sie in den Küchen zuneh-mend seltener wurden, entdeckten sie Forst-und Landwirtschaftstheoretiker der Aufklärungals nützliche Helfershelfer menschlicher Inter-essen, als fleißige Insektenvertilger und damitals biologische Schädlingsvertilger.Mensch und Vogel kamen sich näher und näherim Verlauf der europäischen Zivilisationsge-schichte. Aus nützlichen Gehilfen im Wald- und
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