Vorwort
Der
Vogelfänger bin ich ja,
Die Zauberflöte, Auftrittslied des Papageno
So lieblich klang des Voglers Pfeife,
bis der Gimpel im Netze war.
Man muß erst den Vogel im Bauer haben,
the man
ihn will pfeifen lehren.
Lessing, Nathan, 1,3
Chr. Felix Weise, Lustspiele 1, 312
Da schreitet er und stützt sich auf den Wanderstock, Paul Floras Vogelhändler, hoch bepacktmit seinen Käfigen und Vögeln, bepackt jedoch auch mit dem kulturellen Gepäck mehrerer Jahrhun-derte Geschichte des Vogelfänger- und Vogelhändler- Gewerbes, das diese Zeichnung imaginär mit-transportiert. Andeutungen der Attribute einer Tiroler Tracht weisen Floras Vogelhändler vermutlichals einen Mann aus Imst aus, als einen Vertreter jener Vogeltrager, die vom 17. bis ins 19. Jahrhundertdurch ganz Europa zogen, um die im Tiroler Oberland gefangenen oder gezüchteten Vögel an einbürgerlich- städtisches Publikum zu verkaufen. Carl Zeller hat ihnen in der Operette„ Der Vogelhänd-ler" 1891 ein musikalisch schwungvolles Denkmal gesetzt.
Paul Flora hat seinem Vogelhändler auch die Züge eines Zwitterwesens verliehen, Züge, die ihnhalb als Vogel halb als Menschen charakterisieren. Damit rückt er ihn auch in die Nähe jener zweiten,noch viel bekannteren Figur, die als Vogelsteller und-händler auf der Bühne erscheint. Dieser Vogel-fänger Papageno nämlich ist als ein ebensolches Zwischenwesen mit nicht ganz geklärter Identitätangelegt. Ohne genauere soziale Verortung steht er zwischen den Welten, zwischen der„, hohen" und,, niederen" Sphäre, zwischen Heiterkeit und Ernst. Er hält sich nur ungern an Regeln und Normenund verkörpert den Mann aus dem Volk, die lustige Figur zwischen Hanswurst und Vogelmensch imFederkleid, die sich im Barocktheater zur vollendeten Form entwickelt hat. Mozart und Schikanederhaben dieser Rolle ihren genialen Charakter verliehen, und das Publikum hat Papageno zur eigent-lichen Hauptfigur der Zauberflöte gemacht.
Papageno, heute weltberühmt, konnte 1791 noch zu Recht singen, dass er bei Alt und Jungim ganzen Land wohlbekannt sei. Gegenwärtig weiß man über seine Beschäftigung, die ihm denLebensunterhalt sichert, kaum noch Bescheid; darüber, dass Vogelfang und Vogelhandel ein regel-rechter Beruf waren, der einerseits den Bedarf an Singvögeln in Europas Küchen deckte, und anderer-seits die gefiederten Freunde als Hausgenossen in die Stuben in Stadt und Land brachte. Walther vonder Vogelweide und Heinrich der Vogler sind vielleicht noch ein Begriff, doch auch hier beschränkensich die Kenntnisse mehr auf die historischen Figuren selbst und ihren literarisch- musikalischenNiederschlag, als auf die Hintergründe ihrer Beinamen.