Archetypisches
Ahnenfigur moai tangataHolz, Knochen, Obsidian,
Osterinsel, Polynesien,
Museum für Völkerkunde, Wien, Inv.Nr. 22.859,Sammlung Heinrich Westenholz, 1886
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Lange Zeit glaubte man, dass Volkskunst einem unbewussten, gewisser-maßen im Volk schlummernden Schöpfungsvorgang entspringe. Volkskunst sei nichtindividuelle Kunst, sondern entspreche einem kollektiven Geist. Ähnlich wie beimVolkslied, bei den Sagen und Märchen spiegle sich in ihr die Volksseele. Man betrach-tete die Volkskunst als eine scheinbar zeitlose Kunst. Diese stark von der Romantikgeprägte Auffassung von Volkskunst erhielt von psychologischer Seite gegen Ende des19. Jahrhunderts neue, wichtige Anregungen. So zog zum Beispiel Lucien Lévy- Bruhl( 1857-1939) in seiner Mentalitätstheorie der Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven( primitiv Glossar ::: zum Glossareintrag primitiv hier im Sinne vonunterentwickelt, naiv, naturhaft, im Stande geistiger Unschuld lebend) eine scharfeTrennungslinie zwischen dem logischen Denken des Kulturmenschen und dem kom-plexen der„ Naturvölker Glossar ::: zum Glossareintrag Naturvölker", das er in drei Kategorien teilte. Er unterschied das prälogi-sche Denken, das Gesetz der mystischen Partizipation und das Kollektivbewusstsein.Diese Ideen fanden in der Tiefenpsychologie, besonders in der Archetypen-lehre und in der Lehre vom„ kollektiven Unterbewussten" eines C.G. Jung großeBedeutung. Er sah in den Bildern ein Weiterleben des Archtyps. In diesem Zusam-menhang sind natürlich auch Sigmund Freud( 1856-1939), der Entdecker des Unbe-wussten, und Friedrich Salomon Krauss( 1859-1938) mit ihren Forschungen zurSexualsymbolik zu nennen. Besonders Friedrich S. Krauss, der für die ethnographi-sche Kommission innerhalb der Anthropologischen Gesellschaft in Wien einForschungskonzept entwarf, befasste sich mit den Vorstellungen über Sexualität
in den Unterschichten.
Ausgehend von den Entdeckungen der Urgeschichte sah die Kunstforschung inder naiven„ Bauernkunst" eine Parallele zur urzeitlichen Kunst. Die Hersteller würdengewissermaßen in einem Zustand verharren, wie er auch Menschen der Urzeit angehaf-tet wäre. In der naiven Kunst würde sich, ähnlich wie in der Kinderkunst, der Kunst derNaiven oder in jener geistig Behinderter der Schöpfungsakt der Urmenschen wiederholen.Es scheint daher berechtigt, ausgehend von Beispielen aus ihrer Sammlungauf die Archetypik einzelner Motive zu verweisen, um so den speziellen Zugang unddie spezielle Betrachtungsweise der„ primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag primitiven" Kunst zu verdeutlichen.
Hier sei zunächst die Holzscheibe erwähnt. Wie der Dorn in der Mittebeweist, handelt es sich um ein Roulette, dem der Drehzeiger fehlt( siehe das Ver-gleichsstück aus Südtirol). Die in Flachschnitzerei verzierte Scheibe aus dem Aostatalist in sechs Segmente geteilt, in deren Zentrum sich je ein Herz mit den Zahlen i bis 6und je ein Symbol befindet: drei kleine runde Gesichter(?), eine Krone, eine Sonne,ein Mond, eine eingeringelte Schlange und ein Hockender. Diese Symbole sind ver-mutlich im Zusammenhang mit dem Glücksspiel zu deuten, doch lassen sie sich auch
Ur- Ethnographie