Prähistorie: Ur- Ethnographie
Der Begriff Ur- Ethnographie stammt von dem Schweizer Arzt und Ethnolo-gen Leopold Rütimeyer( 1856-1932), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts im schweize-rischen Alpengebiet nach kulturgeschichtlich interessanten materiellen Zeugen einerarchaischen Ergologie suchte. Er hielt gezielt nach Objekten Ausschau, deren Formund Verwendung sich in scheinbar unveränderter Form aus grauer Vorzeit bis in dieGegenwart erhalten hatten. Gestützt auf Adolf Bastians Theorien versuchte er ihreEntwicklung in die Tiefe nachzuweisen, die Parallelen aufzuzeigen und die geographi-sche Verbreitung darzulegen. Er erweist sich damit als ein Vertreter der kulturhistori-schen Ethnologie.
Der englische Ethnologe Edward B. Tylor hat im 19. Jahrhundert als ersterauf die wissenschaftliche Bedeutung solcher archaischer Erscheinungen hingewiesen.Er verwendete dafür den Ausdruck„ Überlebsel"( Survival). Rütimeyer sprach von„ Spuren altertümlicher Ergologie", von„ isolierten Fetzen einer früher weithin ver-breiteten Kulturschicht" oder in Anlehnung an die Prähistoriker von„ Leitfossilieneinzelner Kulturhorizonte". In einem ersten Bericht„ Über einige archaische Gerät-schaften und Gebräuche im Kanton Wallis und ihre prähistorischen und ethnographi-schen Parallelen" schrieb er über Kerbhölzer und Tesseln, über Brotstempel, überSteinlampen, über Kerzen aus gerollter Birkenrinde, über naturbelassenes Spielzeug,über primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Handmühlen, über Kalebassen aus Flaschenkürbissen, über Urformendes Bauens, insbesondere über Pfahlbauten. Mit letzterem Thema beschäftigte sichzur damaligen Zeit auch die Urgeschichte besonders intensiv. Die Erforschung der jung-steinzeitlichen Pfahlbaudörfer in den Schweizer und Österreichischen Seen brachteüberraschende Ergebnisse und löste ein großes Echo in der Öffentlichkeit aus. Ähnlichspektakulär waren die eisenzeitlichen Ausgrabungen am und im Salzberg von Hallstatt,die unter der Ägide der Prähistoriker des Naturhistorischen Museums standen.
In diesem Netzwerk der jungen Wissenschaften kam nun der Ethnographieeine besondere Rolle zu. Ähnlich wie die Völkerkunde zu den letzten Reservaten der„ Steinzeitmenschen" vorstieß, konzentrierte sich die Volkskunde auf verkehrsferneRückzugsgebiete, um nach archaischen Relikten zu suchen, die den stummen Artefak-ten aus der Urzeit glichen. Sie konnte zum Beispiel auf rezente Pfahlbauten an derSave bei Donja Dolina verweisen, die von der bäuerlichen Bevölkerung bewohntund bewirtschaftet wurden und wo nun all das primitive Glossar ::: zum Glossareintrag primitive Inventar, angefangen vomEinbaum bis zum Backstein, noch in Verwendung stand, das genau jenem aus denurzeitlichen Pfahlbaudörfern der Schweiz und Österreich entsprach.
33 Ur- Ethnographie