Getragen waren die Bemühungen von dem Gedanken die traditionelle Kultur
vor der Zerstörung durch den rasanten Modernisierungsprozess zu retten. Man begabsich daher bevorzugt in Rückzugsgebiete, um die gerade außer Gebrauch gekommenenDinge für die Museen aufzusammeln und so vor dem Verschwinden zu bewahren. DasInteresse galt sowohl der Feststellung von vertikalen Kontinuitäten als auch ihrergeographischen Verbreitung in Europa.
Die Volkskunde interessierte sich jedoch nicht nur aus kulturhistorischenGründen für die Relikte„ primitiver Glossar ::: zum Glossareintrag primitiver Lebensführung", sondern sie fühlte sich auch vonder ästhetischen Qualität der Produkte angezogen. Dieses Interesse teilte sie mitanderen Strömungen der Moderne, die sich ebenfalls dem Primitivismus zuwendete,um aus der einfachen, ursprünglichen Formensprache der exotischen Glossar ::: zum Glossareintrag exotischen,„ bäuerlichen"Kunst Anregungen zu erhalten. Diese Wertschätzung des einheimischen Primitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitivenreiht sich ein in das wachsende„ Unbehagen an der Kultur", das sich gegen Ende des19. Jahrhunderts ausbreitet. Auf der Suche nach Erneuerung in der Kunst entdecktenKünstler die Expressivität und Ursprünglichkeit der Volkskunst, begannen bürgerlicheSchichten das einfache, natürliche Leben der bäuerlichen Bevölkerung, ihre Sittenund Gebräuche, ihr überliefertes Wissen und Können zu beachten. Alois Riegl erblicktdarin ein Bedürfnis nach Weltflucht".
Die Bestrebungen der Volkskunde fügen sich somit ein in einen ganzheit-lichen gesellschaftlich- kulturellen Prozess, innerhalb dessen die Sammlung EugenieGoldsterns als Teil einer europäischen Geistesgeschichte zu lesen ist.
Diesem Umstand möchte die Ausstellung gerecht werden. Sie soll denStellenwert der Sammlung innerhalb der Forschungsgeschichte aufzeigen und jeneGeisteshaltung verdeutlichen, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Faszination derBeschäftigung mit den Ursprüngen der Kultur entspringt: Es ist die Suche der an derWissenschaft vom Menschen beteiligten Fächer nach dem Elementaren, nach demPrimitiven Glossar ::: zum Glossareintrag Primitiven. Der Titel„ Ur- Ethnographie" wurde einem Sammelband des SchweizerEthnolgen Leopold Rütimeyer entlehnt, der die Forschungen von Eugenie Goldsternmaßgeblich beeinflusst hatte.
Obwohl der Versuch, aus Zeugnissen der Volkskultur ur- bis ungeschichtliche„ Elementarteilchen" menschlichen Denkens und Handelns zu rekonstruieren, heutezurecht als eine Ur- Illusion der Volkskunde gilt, sind die Leistungen dieser Forschungennicht zu leugnen. Darüber hinaus hat die Suche nach dem„ Elementaren",„ Einfachen",,, Natürlichen nichts von ihrer Faszination eingebüßt. Gewinn daraus zu ziehen mussdem Einzelnen überlassen bleiben.
F.G.
Lit.:
Haberlandt, Michael: Zum Beginn! In: Zeitschrift fürÖsterreichische Volkskunde. 1, 1895. 1-3
Kuper, Adam: The Invention of Primitive Glossar ::: zum Glossareintrag Primitive Society.Transformations of an Illusion. London 1988
Riegl, Alois: Das Volksmäßige und die Gegenwart. In:Zeitschrift für österreichische Volkskunde. I, 1895, 4-7Rütimeyer, Leopold: Ur- Ethnographie der Schweiz.Ihre Relikte bis zur Gegenwart mit prähistorischen undethnographischen Parallelen. Basel 1924(-Schriften derSchweiz. Gesellschaft f. Volkskunde, Bd. XVI)
Tylor, Edward B.: Primitive Glossar ::: zum Glossareintrag Primitive Culture. London 1871, 2 Bde.( dt. Die Anfänge der Kultur, 1873)
Warneken. Bernd Jürgen: Volkskundliche Kulturwissen-schaft als postprimitivistisches Fach. In: Unterweltender Kultur. Themen und Theorien der volkskundlichenKulturwissenschaft. Hg. von Kapar Maase und BerndJürgen Warneken, Köln- Weimar- Wien 2003, 119-141
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