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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
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Der gefensterte Leib: Blick in den Mutterleib

A Window on the Body The View into the Womb

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Chor der Ungeborenen

Wir Ungeborenen

Schon beginnt die Sehnsucht an uns zu

schaffen

Die Ufer des Blutes weiten sich zu

unserem Empfang

Wie Tau sinken wir in die Liebe hinein.

Noch liegen die Schatten der Zeit

wie Fragen

Über unserem Geheimnis

Ihr Liebenden

Ihr Sehnsüchtigen

Hört, ihr Abschiedskranken:

Wir sind es, die in euren Blickenzu leben beginnen,

In euren Händen, die suchende sindin der blauen Luft-

Wir sind es, die nach Morgen duftendenSchon zieht uns euer Atem ein,Nimmt uns hinab in euren SchlafIn die Träume, die unser Erdreich sindWo unsere schwarze Amme, die NachtUns wachsen lässt.

Bis wir uns spiegeln in euren AugenBis wir sprechen in euer Ohr

Schmetterlingsgleich

Werden wir von den Häschern eurerSehnsucht gefangen-

Wie Vogelstimmen an die Erde verkauft-Wir Morgenduftenden,Wir kommenden Lichterfür eure Traurigkeit.

Nelly Sachs

Eine weiter fortgeschrittene Schwangerschaft ist kaum zu übersehen: der Bauchwächst. Vom verschollenen Kontinent der Mutterleibs"( Sloterdijk) haben sichMenschen stets ein Bild gemacht. Viele Geschichten wie die von Hölle und Para-dies und Symbole wie Baum und Schlange haben vorgeburtliche Wurzeln. Kunst,Psychotherapie und Säuglingsforschung haben dazu beigetragen, die großeBandbreite vorgeburtlicher Wahrnehmungen und Fähigkeiten zu belegen.Bilder vom Kind im Mutterleib waren nicht nur in medizinischen Lehrbüchern,sondern auch in der sakralen Kunst verbreitet. Heute gibt es immer neue techni-sche Möglichkeiten, in den Bauch hineinzuschauen. Diese neuen Sichtweisenverändern den Blick auf die schwangere Frau und ihren kleinen Höhlenbewoh-ner" fundamental.

An advanced pregnancy can hardly be overlooked: the belly grows. Humanshave always imagined the lost continent of the womb"( Sloterdijk). Many sto-ries, like that of hell and heaven, and symbols, such as that of a tree or a snake,have prenatal roots. Art, psychotherapy, and research on newborns have con-tributed to reveal evidence of the large range of prenatal perceptions and abili-ties.

Images of the child in the womb were not only widespread in medical textbooksbut also in religious art. Today there is a growing range of technological possi-bilities that allow us to view the unborn baby. These new imaging techniquesfundamentally alter the view of the pregnant woman and her littledweller".

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