Verena Pawlowsky
Anonym gebären.
Findelhaus, Babyklappe und anonyme Geburt
Geburt und Geheimnis sind auf vielfache Weise verbundeneBegriffe. In literarischen und mythischen, in religiösen undganz persönlichen Zusammenhängen kann man dieser Verbin-dung nachspüren. Geburt ist Anfang und Übergang, sie schafftZusammenhänge und stellt Beziehungen her. Die Konstellati-on, in die ein Mensch hineingeboren wird, ist seine Herkunft.Und ,, Herkunft" ist im Deutschen nicht umsonst ein vielschich-tiges Wort, verweist es doch nicht nur auf das geographischeHerkommen, sondern auch auf soziale und genealogische Fest-legungen. So bedeutet, seine Herkunft nicht zu kennen, mehrals nur, seinen einen Vater und seine eine Mutter nicht zu ken-nen. Ist die Herkunft eines Menschen unbekannt, liegt seineGeburt also im Dunkeln, so umgibt ihn die Aura des Geheim-nisvollen, des ,, Nichteinordenbaren". Von„, elternlosen" Kindernund vom gesellschaftlichen Umgang mit diesem Phänomensoll im Folgenden die Rede sein.
Zu allen Zeiten gab es Frauen, die ihre Kinder nicht behaltenkonnten oder wollten, gab es Kinder, die ihre Herkunft nichtkannten. Kindesweglegungen sind die krasseste Form dieserAbtrennung der Kinder von ihrer Herkunft, Findelkinder kennenihre Eltern in der Regel nicht. Vom ausgehenden 18. Jahrhun-dert bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es europaweiteine unverhältnismäßig hohe Zahl ausgesetzter Kinder. Es wareine der Industrialisierung vorausgehende Erscheinung: In je-ner von massiven ökonomischen, sozialen und auch soziokul-turellen Veränderungen begleiteten Epoche konnten sichAngehörige der Unterschichten in vielen Teilen Europas Haus-stands- und Familiengründungen nicht leisten; sie verbrachtenoft ihr ganzes Leben als Knechte und Mägde in fremden Haus-halten; Kinder bekamen sie dennoch und vermehrten so die
Zahl der unerwünschten und ausgesetzten Säuglinge. Diesewaren meist unehelich und damit schon rein rechtlich nur mitihren Müttern verwandt. Wurden sie jedoch weggegeben, sowar auch diese ohnehin schon eingeschränkte Zugehörigkeithinfällig. Findelhäuser nahmen sie auf. Mit der Wende zum20. Jahrhundert verliert das Phänomen wieder an Bedeutung.Ausgesetzte Kinder werden zu einem was die Dimensionbetrifft marginalen Problem, und so ist die Situation bis heute.Seit dem 18. Jahrhundert wurden in vielen Ländern EuropasFindelhäuser eingerichtet oder bereits seit dem Mittelalterbestehende Einrichtungen vergrößert und umgestaltet. EinZeitgenosse zählte um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Euro-pa 365 Häuser, deren Aufgabe einzig und allein darin bestand,sich ungewollter Säuglinge anzunehmen. Diese Kinder wurdenschon lange nicht mehr auf Plätzen oder Straßen abgelegt,sondern mittlerweile direkt dem Findelhaus übergeben. Dazudienten einerseits Drehladen, also hölzerne Vorrichtungen anden Außenmauern der Anstalten, in die Kinder unerkannt hin-eingelegt werden konnten. Diese technischen Geräte fandman vor allem bei den italienischen und den französischenAnstalten. Und dazu diente andererseits die enge Verbindungvon Findelhäusern mit Gebärhäusern. Dort konnten ledigeFrauen ihre Kinder zur Welt bringen und sie anschließend demFindelhaus übergeben.
Diese Konstruktion sicherte dem aufstrebenden medizinischenFach der Geburtshilfe immer reiches„ Übungsmaterial" undgarantierte wie das Beispiel des großen Wiener Gebär- undFindelhauses zeigt- ledigen Frauen dennoch ein gewissesMaẞ an Diskretion. Der nachhaltige Erfolg" der Anstalten ließsich auch daran messen, dass sie intensiv genutzt wurden und
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