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Aller Anfang : [birth - Geburt - naissance - parto ; Begleitbuch und Katalog zur Ausstellung im Österreichischen Museum für Volkskunde, 10. April bis 6. Oktober 2002]
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Marion Stadlober- Degwerth

,, Der Teufel von Korneuburg"

Aus den Sammlungen des

Pathologisch- anatomischen Bundesmuseums Wien.

Einleitung

Nachfolgend wird über die älteste anenzephale Fehlbildungdes Pathologisch- Anatomischen Bundesmuseums Wienberichtet, die ihres Aussehens und ihrer vermeintlichen Ätiolo-gie wegen sowie als Hinweis auf ihren Geburtsort als Korneu-burger Teufel in die Geschichte der Wiener Pathologie einge-gangen ist.

Im Jahre 1827 brachte eine ledige Magd in Korneuburg, Nieder-österreich, ein noch nicht ausgereiftes missgebildetes Kind zurWelt. Geburtshelfer und Pathologe führten die Fehlbildung aufdas Versehen der Schwangeren zurück, die durch ein von ihrberichtetes Erlebnis in der Kirche zu Korneuburg die Theorie derÄrzte bestätigte und damit das ätiologische Konstrukt der Medi-ziner beförderte.

Die Geschichte der Theresia Parzer

Die Geschichte der Bauernmagd Theresia Parzer aus Unter-kreutzstetten bei Korneuburg ist bisher einzig durch die Über-lieferung von Laurenz Biermayer, 1 seit 1812 für 4 Jahre Prosek-tor am allgemeinen Krankenhaus in Wien, belegt. In seinem1828 erschienenen Heft ,, Das Kaiserliche Königliche Pathologi-sche Musaeum im Allgemeinen Krankenhause zu Wien" 2beschrieb Laurenz Biermayer folgenden Fall:

Theresia P., eine 25 Jahre alte Dienstmagd, ging zur Oster-zeit, ungefähr im Zeitraume während der Hälfte ihres Schwan-gerseins, in die Kirche, um dort ihre Andacht zu verrichten.Während des Gebethes heftete sie beständig ihre Augen aufden, neben dem Gegenstande ihrer Verehrung, dem Marien-bilde, stehenden Erzengel Michael, der in Lebensgrösse von

Holz gebildet, mit dem Schwerte in der Hand, den Satan an derKette hält und ihn mit Füssen tritt.

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Diese Erscheinung, und zumahl die Teufelsgestalt, machte aufihren ohnehin aufgeregten Gemüthszustand einen heftigenEindruck; und war sie während der Schwangerschaft- einigergewöhnlicher Unbehaglichkeiten nicht gedacht immergesund und vollkräftig: so fühlte sie sich nach diesem ungün-stigen Einflusse schnell durch mehrere Tage kränklich und äus-serst entkräftet. Jedoch verloren sich diese Erscheinungenganz leise wieder, und schienen gleichsam in die Geburtswe-hen, die sich aber im sechsten Schwangerschaftsmonathe ein-stellten, hinüber zu fliessen. Der Geburtsact, der bald darauf, ineben diesem Monathe, statt fand, war mit ziemlicher Leichtig-keit, aber einem grossen Blutverluste, verbunden, dessenungeachtet die Gebärende sich wohl befand. Vor diesem liefeine Menge Wassers( Geburtswasser) ab.....".

,, Bey der Besichtigung dieser todtgeborenen, nicht über 6Monathe alten Frucht, sehen wir denn wirklich eine so mon-ströse Bildung der zu beschreibenden Theile, dass sie jener,des aus Holz geformten Teufels, der( nach Aussage der Mut-ter) ihr von dieser Zeit an nicht mehr ausser Gedächtniss kam,in vielem ähnlich war.".

Über den Heiligen Michael als Töter des höllischenDrachens, das Versehen und den bösen Blick in derSchwangerschaft

Eine lebensgroße Figur des Erzengels Michael³, die für die hierdokumentierte Geschichte der Magd aus Korneuburg einewichtige Rolle spielt, befindet sich in der Pfarrkirche zu Kor-

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